Hinweis 2026:
Dieses Fazit zur Nordlandreise 2000 gehört zur Serie "Vorwärts in die Vergangenheit – Erinnerungen an frühe Reisen", in der ich mich aus heutiger Sicht (Oktober 2026) an meine ersten prägenden Reisen erinnere und sie gleichzeitig kommentiere.
Die Tagebucheinträge zu dieser Reise sind als Teil des Parallelprojektes "Vorwärts in die Vergangenheit – Berichte von damals" veröffentlicht worden. In diesem kommentiere ich zeitgenössische Berichte aus der Zeit, wenn nötig, bearbeite sie aber ansonsten redaktionell nur sehr behutsam.
Ich hatte in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten durchaus ab
und zu in dem dunkelgrünen Wälzer geschmökert, in den mein Opa unser
Nordlandreisetagebuch gebunden hatte, aber auf die Idee, das hier im Blog zu
veröffentlichen, war ich nie gekommen. Als ich das Projekt Retro-Blog dann zusammen
mit dem Copilot, der Microsoft-KI, ausgeheckt hatte, nahm das Ganze richtig
Fahrt auf (und wird in diesem und im nächsten Winter veröffentlicht werden – danach
gucken wir mal, ob wir wirklich fertig sind) – und ich habe die 2000er-Reise
noch einmal ganz intensiv unter die Lupe genommen.
Die erste Aufgabe war es, das Tagebuch zu transkribieren,
weil die Original-Datei aus meinem kiloschweren Laptop, den ich damals immer im
Aktenkoffer (wirklich!) durch die Gegend getragen habe, natürlich schon in die ewigen
digitalen Jagdgründe eingegangen war. Das übernahm der Copilot aus den
abfotografierten Seiten, und ich lernte, dass die KI Schwierigkeiten hat, um 90
Grad gedrehte Seiten zu entziffern – da kam nämlich der größte Murks heraus.
Wenn ich das Foto drehte, konnte die
KI das aber in vielen Fällen wunderbar entziffern. Ich musste ein paar Mal
nachhelfen, weil da anfangs schon viele Erfindungen dabei waren, aber am Ende
war die Transkription ziemlich sauber – und an den Stellen, die mir beim Lesen
komisch vorkamen, guckte ich halt nochmal nach, ob ich damals Mist geschrieben
oder die KI heute halluziniert hatte: So wurden aus den „viereinhalb Stunden“
Herumirren in Bergen, die mir sehr suspekt vorkamen, am Ende doch nur die
tatsächlichen „eineinhalb Stunden“ …
Danach ging es daran – und das war sehr schön –, die
Tagebucheinträge zu sichten und aus heutiger Sicht zu kommentieren, wenn ich
das für notwendig erachtete. Manche Sachen hatte ich komplett vergessen, manche
anders erinnert (wie das Museum in Lillehammer), bei manchen kamen schöne
Erinnerungen hoch, bei anderen wehmütige, bei wieder anderen eher peinliche Berührung
(immer noch!). Das Abfotografieren der (wenigen) Fotos im Tagebuch war dann
noch die Abschlussarbeit – und jetzt ist die erste von vielen frühen Reisen,
über die ich in den kommenden Jahren noch nachträglich berichten werde, im
Kasten.
Die Nordlandreise 2000 war das erste richtige Abenteuer meines
Lebens. Ja, klar, ich war mit meinen Eltern schon viel gereist, aber das alles
in der mehr oder weniger bekannten Sicherheit Mittel- und Westeuropas. Ein Jahr
zuvor, 1999, hatten wir uns schon einmal dem für uns damals durchaus noch „Osteuropa“
genähert, aber das waren ja noch Nachbarländer. Polen hatte damals einen
schlechten Ruf, ja, aber die Oblast Kaliningrad und das Baltikum erst, das war
ehemalige Sowjetunion, das war für uns ganz weit weg, so weit weg nämlich, dass
wir uns nicht trauten, Unterkünfte und das Visum für Russland selbst zu beantragen,
und stattdessen ein Reisebüro einschalteten. Für alles andere, Streckenplanung
(mit einem damals hochmodernen Routenplanungsprogramm, das jedoch nur digitaler
Atlas, kein Navigationssystem im heutigen Sinn war), Unterkunftsauswahl und
-buchung, war ich zuständig – und so viel Spaß mir das gemacht hat, ein
bisschen Schiss hatte ich schon, ob das alles so gutgeht. Mein Vater war stolz
wie Oskar, wenn ich immer mit meinem Sparkassentäschchen aus dem Auto sprang,
in dem die selbstverständlich ausgedruckten Buchungsbestätigungen enthalten
waren, und mit den Pässen zur Rezeption dackelte – und dass das alles so ziemlich
klappte wie geplant, da war ich dann durchaus auch ein bisschen stolz drauf.
Ich kann aus heutiger Sicht nicht mehr genau gewichten, wie
viel von dieser Reise dem Ländersammeln als solchem, wie viel dem Abenteuerertum
und wie viel dem „Oh Mist, jetzt haben meine Eltern Ja gesagt, jetzt müssen wir
das auch durchziehen“ geschuldet war, aber das kann ich ja bei heutigen Reisen
auch nicht so richtig. Jedenfalls war das Länderzählen (sieben neue Länder von
Russland über die drei baltischen zu den drei skandinavischen Staaten) durchaus ein wichtiger Teil der Reise, aber am Ende, glaube ich, waren wir schon alle drei
auch gespannt darauf, was man da in Ost- und Nordeuropa so sehen kann, wie die
Menschen dort leben, ob unser Auto das überlebt oder was man dort isst. Und wenn
dem einen oder anderen Leser diese Aufzählung bekannt vorkommt, dann vielleicht
deswegen, weil ich das so ähnlich schon ab und zu einmal in Blogeinträgen als ganz
allgemeine Begründung fürs Reisen angegeben habe – so wahnsinnig viel hat sich
in der Hinsicht also nicht geändert. Die Nordlandreise jedenfalls hat uns
bestärkt, das Unbekannte weiter zu erkunden – und das war auch bei meinen
Eltern kein Erdulden und kein „Dann erfüllen wir dem Sohn halt diesen Wunsch“,
sondern ich glaube schon, dass die beiden auch immer ganz gespannt waren, was hinter
der nächsten Straßenkuppe wartet, welche Katastrophe, welche schöne Aussicht,
welche spannende Geschichte.
In anderer Hinsicht hat sich natürlich wahnsinnig viel
geändert – mein Vater ist nicht mehr da, und wenn meine Mutter und ich
Roadtrips machen, dann navigiere meist nicht mehr ich, während sie fährt,
sondern es navigiert das Handy und ich fahre. Wenn ich das 2000er-Tagebuch
heute lese, dann muss ich manchmal laut lachen, darüber, dass man Telefonzellen
suchen musste, um zu Hause anzurufen, dass wir tagelang keine (deutschen)
Nachrichten sahen, dass wir quer durch nordische Hauptstädte fuhren, uns
durchfragend, um einen Ort zu finden, an dem man Formel 1 gucken kann, wie wir
(immerhin nur …) eineinhalb Stunden
durch Bergen irrten, weil wir kein Navi, sondern nur eine grobmotorische Anfahrtsskizze
hatten, wie ich per E-Mail und Fax (!) die Zimmer gebucht hatte und Tage auf
Rückantwort warten musste, wie oft wir nach dem Weg fragen mussten, wie wir mit
Händen und Füßen mit den Leuten sprachen anstatt mit einem
Übersetzungsprogramm, wie man es heute machen würde. Wenn ich das alles einem
jungen Menschen, unseren Studenten auf der Arbeit zum Beispiel, erzähle, dann
fühle ich mich richtig alt …
In jedem möglichen Sinne war diese Reise 2000 also
großartig: Dass wir unglaublich viel erlebt haben, hat man lesen können, dass
in vier Wochen Reisen auf engem Raum nicht immer allerbeste Stimmung ist, ist
klar, aber ganz überwiegend kamen wir sehr gut klar, wir haben ganz
unterschiedliche Länder kennengelernt – und gerade Polen und das Baltikum noch
relativ bald nach dem Ende des Kommunismus, als man schon gesehen hat, dass diese
mittel- und osteuropäischen Länder wollen, aber sie halt noch nicht ganz so weit waren. Es war in den
folgenden Jahren immer wieder faszinierend zu sehen, wie sich die
mitteleuropäischen, aber auch und gerade die osteuropäischen Länder entwickelt
haben, zumal ich in jedem der besuchten Länder immer wieder einmal war – Jahre,
Jahrzehnte später.
Ich bin meinen Eltern – unabhängig von ihrer eigenen Begeisterung –
bis heute dankbar, dass sie so verrückt waren, das Ganze wirklich mitzumachen.
Ich habe beim nochmaligen Lesen noch einmal mit meinem Vater mitgelitten, wenn
er wieder einmal kein vernünftiges eigenes Bad hatte, keine Dusche, keine
Toilette im Zimmer. Der Mann war fast 74 und hat sich freiwillig – und ganz
schlank war er halt nie – im Auto auf die Rückbank gesetzt, damit ich besser
die Straßenschilder sehen kann und navigieren kann! Vier Wochen Autofahren durch
Kaliningrader Schlaglöcher, einmal Finnland hoch und einmal Norwegen runter –
das war für meine Mutter sicher auch sehr spannend und nicht entspannend, zumal
sie ja die gesamte Strecke gefahren ist! Wir waren gar nicht sicher gewesen, ob
so ein wirklich langer Roadtrip überhaupt etwas für uns ist – oh ja, das kann
ich heute mit fester Stimme sagen, er war etwas für uns!
Ich weiß nicht, wie ich auf die Frage antworten würde, ob
wir eigentlich blauäugig in dieses Abenteuer gestolpert sind. Wir hatten uns schon
gut vorbereitet, mit Reiseführern, mit diesen ADAC-Länderkarten, alles
vorgebucht, was vorzubuchen ging, aber in jener Zeit konnte man halt nicht einfach
Dutzende Reiseberichte irgendwo online nachlesen. Wir hatten keine Ahnung, was
für Straßen uns in Polen, in Russland und im Baltikum erwarten, wie schnell man
dort und auch in Skandinavien vorankäme. Viele Menschen hatten uns abgeraten
(vielen Dank auch!), viele hatten uns mutig genannt – das macht etwas mit
einem, weil man einerseits immer auf der Hut ist, gerade in Polen waren wir
fast paranoid, aber dann andererseits, wenn man doch den Sprung wagt und sich die
Realität ansieht, eben merkt, dass dir nicht hinter jeder Ecke ein Gauner
auflauert, sondern meist ein freundlicher Mensch wartet, der versucht, dir mit Händen
und Füßen seine Heimat zu erklären. Das ist doch ein schönes Fazit für diese
Reise, oder?
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