Hinweis 2026:
Dieser Blogeintrag gehört zur Serie "Vorwärts in die Vergangenheit - Berichte von damals", in der ich zeitgenössische Reiseberichte veröffentliche, die nur sehr behutsam redaktionell bearbeitet wurden. Meinen Senf aus heutiger Sicht will ich nur dazugeben, wenn mir das erforderlich scheint, damit man den Hintergrund besser versteht.
Ein Parallelprojekt "Vorwärts in die Vergangenheit - Erinnerungen an frühe Reisen" umfasst Erinnerungen und Erinnerungsfragmente an frühere Reisen, die aber aus heutiger Sicht beschrieben sind.
Der vorliegende Reisebericht wurde im Juli/August 2000 verfasst und im September 2026 veröffentlicht. Auf eine Überschrift wurde verzichtet, da es eine solche im Originaltext nicht gibt.
Freitag, 28. Juli 2000 - Jurmala (Lettland) - 6. Tag - 1452 km von Zuhause entfernt
Heute sind wir von Sarkau über zwei Grenzen hierhergefahren, wobei Papa vor lauter Grenzkontrollen bald den wilden Max gespielt hat. Nachdem wir aus Sarkau (Lesnoje) gefahren waren, kamen wir an die russische Grenze, vor der wir gestern umgedreht hatten. Die dortigen zwei jungen russischen Grenzbeamten, die uns wieder einmal unser beliebtes „Kleinpapier“ (ein Zettel, auf dem steht, dass wir die ganze Grenzkontrolle im selben Auto über uns ergehen lassen - d. h. absoluter Quatsch ist) ausstellten, ließen zunächst alle anderen Autos passieren, bevor sie sich uns vornahmen. Bald wussten wir, warum: Sie fragten zuerst: „Deutsch?“ und als wir dies bejahten, wollten sie von uns Kugelschreiber haben, die sich auch prompt bekamen. Daraufhin gaben sie uns einen russischen Uniformaufnäher, der wiederum dazu führte, dass Mama ihnen jeweils einen Kirschwasser-Flachmann aushändigte. Sie waren hoch erfreut. Danach kamen wir an die eigentliche Grenze, an der wir am schadenfrohen Grinsen der Russin erkennen konnten, dass man uns nicht ganz ungewollt schikanierte. Einigen aber schien es fast peinlich zu sein, uns so aufzuhalten. Nachdem wir uns mit zwei Ehepaaren aus Jena über das Stempelsammeln unterhalten hatten (was mich natürlich hoch erfreute), ging es endgültig über die russische Seite der Grenze, bis wir schließlich an der litauischen Seite auch wieder im Stau standen. Dort warteten wir noch einmal etwa eine Stunde, bevor wir dann wiederum eine Gebühr für das Befahren der litauischen Seite der Kurischen Nehrung (diesmal „nur“ 10 Mark) bezahlen durften. Dann aber endlich waren wir in Litauen, fühlten uns wieder freier und sahen einen Unterschied wie Tag und Nacht zwischen den russischen und den litauischen Orten auf der Nehrung. In Nidden hatten wir dann wieder ersten telefonischen Kontakt zur Heimat: Wir riefen bei Opa und [meiner Bonusoma] an. Danach fuhren wir durch Litauen, sahen überall Fischimbissbuden und im Schnelldurchgang Memel (Klaipeda). An der litauisch-lettischen Grenze wiederum mussten wieder eine umfangreiche und unverständliche Zollprozedur über uns ergehen lassen, bis wir schließlich auch in Lettland einreisen durften. Danach fuhren wir auf dem direktest möglichen Weg nach Bärbele (über Stock und Stein, wobei wir einem einarmigen Bauern, der uns mittels Zeichnen einer halben Landkarte den Weg wies, einen weiteren Flachmann Chantré; er hatte buchstäblich Glanz in den Augen). Von Bärbele konnten wir nicht begeistert sein - unser Bärbele ist ganz knapp doch noch schöner ... (nee, Mama, stimmt nicht!). Außerdem begann dort das große Zittern wegen einsetzenden Benzinmangels, da wir uns alle in Bauska nach dem Geldholen nicht mehr an eine Tankstelle am Ortseingang erinnern konnten. Mittels „Hände-und-Füße-Sprache“ konnten wir aber doch nachfragen, wo es denn zur Tankstelle ging, wo es dann eine weitere Überraschung gab: Hier scheint es so zu sein, dass man zuerst bezahlen muss und dann erst tanken kann (wahrscheinlich hängt das mit der Kreditwürdigkeit der hiesigen Autofahrer zusammen). Danach ging es dann schnurstracks nach Jurmala, wo wir nach einem sehr guten Abendessen (mit verdienten 10 Mark Trinkgeld für den Kellner - Gesamtkosten rund 60-70 Mark) ins Bett halbtot stiegen. Davor aber hatten wir noch in Bonndorf und Umgebung (Ebnet) angerufen, um zu zeigen, dass wir noch leben.
Fazit des Tages: Sowohl Litauen als auch Lettland sind fast topfeben. Trotzdem kommt einem die Durchfahrt nicht langweilig vor, da die kerzengeraden Straßen für uns doch auch ungewohnt sind und jedes Mal in den Himmel führen.
Mama war von den Störchen ganz begeistert (nie zuvor hat sie so viele gesehen) und traurig, dass wir oben genannte Fischbuden nicht besucht hatten. Unterwegs hatten wir noch Kontakt mit einer Wildschweinfamilie.
Noch eine kulturkritische Bemerkung: Hier in ganz Osteuropa scheint in allen Lokalen ständig Musik zu laufen, und zwar entweder westliche Musik oder geklaute westliche Melodien mit russischen Texten.
Kommentar 2026:
Bei der Grenzgeschichte habe ich Blut und Wasser geschwitzt: Du kannst doch nicht russische (!) Grenzsoldaten (!) mit Gesöff bestechen wollen?! Aber meiner Ma war's wurscht, und als wir aus Russland draußen waren, ohne verhaftet worden zu sein, mir dann auch ...
Es geht hier um das lettische Dorf Bārbele mit Strich über dem "a", nicht mit ä-Strichelchen. Diese diakritische Feinheit war uns damals aber offenbar mehr oder weniger wurscht.
Und der Armstumpf des Bauern war noch blutig, der muss sich die Hand erst vor relativ kurzer Zeit abgehackt haben ...
Hier habe ich erstmals aus Gründen des Datenschutzes und der Datensparsamkeit einen Vornamen redigiert und durch die heutige Bezeichnung "Bonusoma" ersetzt.
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