Meine Länder

Meine Länder
Länder in dunkelgrün wurden bereits besucht, Länder in hellgrün sind fest geplant, Länder in orange sind in vorläufiger Planung für die nächsten zwölf Monate, Länder in dunkelgrau wurden nur im Transit besucht, Länder in gelb sind für einen Transit fest geplant.

Samstag, 21. Mai 2016

Substance over form

... (Substanz geht über die Form) ist ein Grundsatz der internationalen Rechnungslegung. Den habe ich offenbar so verinnerlicht, dass ich ihn auch bei meinen Blogs anwende: Ich weiß (bzw. merke regelmäßig beim Lesen am nächsten Tag), dass ich in meinen Berichten die deutsche Sprache manchmal ein wenig harsch behandle, da fehlen dann Wörter oder sind zu viele (Präpositionen sind besonders beliebt), manchmal schreibe ich auch "fahren" statt "waren" und manchmal verwechsle ich sogar "dass" und "das" (sehr selten, hoffe ich, aber dann ein sicheres Zeichen von Übermüdung). Ich weiß auch, dass manche Sätze und manchmal ganze Spannungsbögen ins Leere gehen (der Hundeeintopf gestern hat dann übrigens doch nur 10.000 Won, etwa 7,50 Euro, gekostet), das tut mir leid. Ich bitte nur insofern um Verständnis, als dass ich halt am Ende des Tages die berichtenswerten Ereignisse (und auch manche nicht für alle berichtenswerten) herunterrattere; meistens will ich schnell ins Bett, aber trotzdem noch die Geschichten erzählen, so lange ich sie frisch im Gedächtnis habe. Es gibt Tage, an denen ich noch in der Lage und willens bin, den Post gegenzulesen, ehe ich in abschicke, aber diese Tage sind nicht sooo häufig. Bear with me, sagen die Engländer, tragt dieses Joch gemeinsam mit mir. Danke!

Manchmal ist es ja wirklich zum Mäusemelken, denn heute Nacht war ich ab etwa 4.45 Uhr hellwach. Als mein Wecker um 5.45 Uhr runterging, hatte ich schon eine volle Stunde wachgelegen ... Hm.

Nach kurzem Frühstück um Punkt 7 Uhr war ich überpünktlich an dem Hotel, zahlte meine heutige Tour und setzte mich in den Bus.

Die Busbesatzung bestand zur Hälfte aus Japanern mit eigener Führerin, zur anderen Hälfte aus einer bunt gemischten englischsprachigen Gruppe mit Leuten aus Singapur, den Niederlanden, Finnland, ein paar Amerikaner waren auch dabei und einem Deutschen. Der Deutsche wurde von der Reiseführerin gleich mal gefragt, ob er aus West- oder Ostdeutschland stamme (das ist mir auch schon lange nicht mehr passiert), aber sie wollte damit illustrieren, dass sie im Ausland öfter - relativ sinnloserweise, weil Nordkoreaner normalerweise sowieso ihr Land nicht verlassen dürften - gefragt würde, ob sie aus Nord- oder Südkorea komme.

Wir fuhren aus Seoul raus und kamen relativ schnell in Sichtweise der ersten Stacheldrahtverhaue, die das "normale" Südkorea von einem immer noch formal zivil kontrollierten Gebiet abtrennen, in dem man aber schon ziemlich viel Militär sieht. In dieses spezielle Gebiet fuhren wir mit unserem Bus hinein und fuhren zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man einen sehr beeindruckenden Blick auf Kaesong, eine größere nordkoreanische Stadt, und insgesamt auf das südwestliche Nordkorea hatte. Das ist schon interessant, wenn man die Flaggen Nord- und Südkoreas auf den beiden Seiten sieht, die nordkoreanische Propaganda hört (die selbst die südkoreanischen Soldaten nicht wirklich verstanden) und da hinten sogar eine Statue von Kim Il-Sung erahnen kann. Fotos durften offiziell nur in die eine Richtung gemacht werden, wenn man sich nicht dranhielt, passierte aber auch nicht wirklich etwas ...

Weiter ging es dann zum sogenannten dritten Tunnel (von insgesamt vier Tunneln, die die Nordkoreaner wohl zur Infiltration des Südens bauten und die von Südkoreanern entdeckt wurden). Die Fahrt mit der Einspurbahn hinunter auf gut 70 Meter Tiefe war lustig, zumal die Röhre wirklich ziemlich eng war. Als wir dann unten waren und die paar hundert Meter ans Tunnelende gingen, war selbst ich schon zu groß, sodass ich zwei Drittel des Weges geduckt laufen müsste (dank der Helme haute ich mir wenigstens nicht ständig den Schädel an). Ich hatte Rücken ... Ich will gar nicht wissen, wie es dem Zwei-Meter-Riesen ging, der auch in unserer Gruppe war. Der arme Kel! Am Ende des Tunnels ist dann eine Betonwand, die einen Spalt offen ist, durch den mal auf die nordkoreanische Seite schauen kann (da ist ebenfalls eine Betonwand). Da steht man also vor einer Betonwand und schaut durch diese auf eine andere Betonwand. Naja, wenigstens ist man dabei unter der Demilitarisierten Zone und fast schon in Nordkorea ...

Zum Abschluss ging es zum für den Fall der Wiedervereinigung schon bereitstehenden Bahnhof in Richtung Pjöngjang und zu einer Brücke, über die nach dem Koreakrieg Gefangene ausgetauscht wurden. Das Essen ist einer koreanischen Gaststätte (wieder Schuhe ausziehen ...) war recht lecker, die Einzelreisenden wurden an einen Tisch gesetzt, an dem sich dann herausstellte, dass einer der beiden anderen in Singapur bei der Konkurrenz meines Arbeitgebers und der andere in Singapur für eine niederländische Bank HR-Chef ist und auch schon mit (globalen) Kollegen von mir zu tun hatte. Es ist eine kleine Welt manchmal ...

Danach fuhr ich mit einigen anderen zurück nach Seoul, während der Großteil der Gruppe in die Joint Security Area weiterfuhr. Seufz. Alles ein bisschen doof gelaufen, aber man soll ja das Positive sehen: Ich werde nochmal nach Seoul kommen, um in dieses vermaleidete Grenzhäuschen zu kommen, und wenn es schon im September ist.

In Seoul fuhren wir dann am Eingang zum Gyeongbokgung-Palast vorbei, und das sah schön aus, das wollte ich mir angucken. Also lief ich nach dem Aussteigen in die Richtung, vorbei am Rathaus und an einer Falungong-Gruppe. Da standen zwei Statuen, und vor der einen wurde ich von einem koreanischen Studenten in ziemlich gutem Englisch angesprochen; er fragte mich, ob ich den Typen kennen würde. Ich war gerade im Begriff, die englischsprachige Hinweis zu lesen: Es handelte sich um den Erfinder der koreanischen Schrift. Der Typ kam mir gerade recht, weil ich mir von ihm bestätigen lassen wollte, dass es korrekt sei, wie ich mir zusammengereimt hatte, wie man meinen Namen auf Koreanisch schreiben würde. Er hatte an dem einen oder anderen Symbol noch was zu meckern, vor allem, weil es nicht so richtig ein "e" im Koreanischen gibt, aber ich hatte mich gar nicht so doof angestellt - es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Danach betrat ich die Palast-Anlage und bezahlte meinen Eintritt.  Ich ging also da rein und war begeistert: Ein palastartiges Gebäude nach dem anderen tat sich mir auf mit einer Architektur, die ich noch nicht oft gesehen habe, viel in grün gehalten, sehr beeindruckend (siehe Fotos). Das Beste war: Diese Palastanlage hörte gar nicht mehr auf, nach dem einen Palast kam noch ein zweiter und ein dritter und ein vierter, dann kam ein Park mit einem Teich und Pavillon, da oben links war noch ein Palast des Königs, damit er sich von seinem Prinzregenten absetzen konnte, da rechts war noch eine Pagode und hinten links stand noch ein Wasserschlösschen in der Gegend herum. Und das Unfassbare ist: Die Koreaner nehmen für dieses Teil 3.000 Won Eintritt, das sind 2,25 Euro. Unglaublich. Ebenfalls unglaublich ist, dass dieses Ding kein Weltkulturerbe ist. Ja, sind die anderen Paläste noch schöner?! Das werde ich mir morgen - nach dem Ausschlafen - noch einmal in Ruhe anschauen.

Morgen wird wirklich ausgeschlafen, und damit das so ist, gehe ich jetzt (es ist gleich 19.30 Uhr) mal los und erkunde das Seouler Nachtleben. Ich bin gespannt ...

Blick auf Nordkorea ...

... vom Aussichtspunkt

Mit dem Gefährt ging's in den Tunnel - unten Fotos verboten, militärische Sicherheitszone

Der Erfinder der koreanischen Schrift

Gyeongbokgung I

Gyeongbokgung II

Gyeongbokgung III

Gyeongbokgung IV

Gyeongbokgung V

Gyeongbokgung VI vor Skyline von Seoul

Freitag, 20. Mai 2016

Großes Drama

Szenenbild: Der Körper liegt schweratmend in einem Sessel. Er schläft. Das Gehirn sitzt auf einem Stuhl, schläft auch. Das Bewusstsein wird von den süßen Träumen (zwei, weiblich zu besetzen) im Schlaf gewogen. Ein Wecker klingelt. Es ist 5.30 Uhr.

Körper (im Halbschlaf): Nicht schon jetzt.
Gehirn (aufwachend): Oh, 5.30 Uhr. Ich werde mal das Bewusstsein wecken.
Körper: Das lässt du schön bleiben.
Gehirn: Wie bitte?
Körper (mit drohenden Blick): Das lässt du schön bleiben, hab ich gesagt.
Süßer Traum 1: Psst, das Bewusstsein wacht sonst auf.
Gehirn: Aber wieso denn?
Körper (halblaut): Weil es reicht. Ständig jagt es mich in der Gegend herum, hier 'ne Nacht im Flieger pennen, dann noch zum Baseball, obwohl es selbst fast einschläft. Der soll sehen, was er davon hat. Genug ist genug.
Gehirn: Ach komm, morgen macht er bestimmt richtig Urlaub.
Körper (höhnisch): Aber sicher!
Gehirn: Na, siehste.
Körper (wütend): Das war Sarkasmus, du Depp. Jedes Mal sagt es: (äfft das Bewusstsein nach) "Alle vier Tage mache ich richtig Urlaub." Und was macht es?? (brüllt jetzt)
Süßer Traum II: Nicht so laut!
Körper (leiser, aber immer noch wütend): Was macht es? Einen Sch ...
Süßer Traum I und II: Ruhe! Hier sind Kinder im Publikum!
Körper: Nix macht es. Gar nichts. (äfft wieder das Bewusstsein nach:) "Lieber Körper, ich weiß ja, dass das anstrengend ist. Nächstes Mal ich es besser!" Und wie ist es nächstes Mal?
Gehirn: Schlimmer?
Körper: Nein, schlimmer! (verwirrt:) Wie? Du siehst das auch so?
Gehirn: Natürlich. Das Bewusstsein übertreibt es immer. Aber es hört halt auf seinen Bruder: "Mach's ruhig, solang de jung bisch. Hörsch früh gnug vo selber uff."
Körper: Wenn das so weitergeht, hör ich hier bald "uff". - Also: Weiterschlafen?
Gehirn: Weiterschlafen!
Süße Träume I und II (erleichtert): Na endlich ...

Naja, die süßen Träume haben mich dann heute Morgen um 8.10 Uhr geweckt - da war leider meine Tour zur innerkoreanischen Grenze schon längst weg. Ich weiß ja, dass ich die letzten Tage wirklich viel gemacht habe, und es hätte mir eine Warnung sein müssen, als ich gestern Nacht im Flieger die Lüftung ganz deutlich das Bonndorfer Pflumeschleckerlied und die Fans beim Baseball deutschsprachtige Gesänge (wenn auch unverständlich: "Wir woll'n die Hinterleiche vorne sehen" und "Mein Gold ist lesbisch") singen hörte. Es hätte mir auch Warnung sein sollen, dass ich beim Baseball ein paar Mal fast eingeschlafen wäre. Und ich hätte auch morgen wirklich (Wirklich! Kohlsches Ehrenwort) mal einen ruhigen Tag gemacht. Aber dass ich den Wecker morgens überhöre, das ist mir wirklich noch sehr selten passiert, und es ist schon ziemlich ärgerlich, weil der Ausflug heute ja einer der Hauptpunkte auf dieser Reise, zumindest für Südkorea, sein sollte.

Glück im Unglück ist es, dass mein Touranbieter mich - kostenlos, obwohl sie dazu vertraglich alles andere als verpflichtet gewesen wären - auf die halbe Tour morgen umgebucht haben (die volle war leider schon ausgebucht ...). So zahle ich nur 50 Euro und habe ein bisschen was davon (auch wenn ich die andere halbe Tour noch lieber genommen hätte ...) als dass ich 100 Euro Versäumnisgebühr zahlen müsste - sehr guter Service von den Freunden von DMZtours. Vielen Dank an dieser Stelle.

Naja, was wollte ich dann jetzt machen? Ich entschied mich, nochmal ins Bett zu gehen ... Um 11.30 Uhr stand ich ganz gemütlich auf, duschte und verließ gegen 13 Uhr mein Zimmer.

Ich machte einen kurzen Spaziergang zur U-Bahn, stieg einmal um und ging in ein Lokal, in dem es eine laut koreanischer Übersetzung "belebende Suppe" gab. Schließlich wollte ich meinem Körper ja etwas Gutes tun (hähä). Dieser bosintang genannte Eintopf schien nach der Preiskarte nicht wirklich günstig zu sein, er lag bei etwa 35 Euro, aber für eine koreanische Delikatesse könnte man das ja mal aufbringen. Der Chef gab mir zu verstehen, dass diese 35-Euro-Mahlzeit für eine Person viel zu groß wäre. Wir kamen mit Händen und Füßen überein, dass er mir etwas zusammenstellt und wir dann weitersehen ...

Nun setzte ich mich auf den Boden (das Lokal besteht aus einer etwas erhöhten Plattform mit niedrigen Tischen, vor der man die Schuhe auszieht) und wartete auf meine Mahlzeit. Es kamen die obligatorischen Kimchi (eingelegter Kohl, scharf, aber nicht zu scharf) und allerlei andere Sachen, die die Leute, die sich damit auskennen, bitte anhand des Fotos identifizieren mögen. Danach kam eine Vorspeise mit einer Art Sellerie und Fleisch, gefolgt vom eigentlichen Eintopf. Doch, war ziemlich heiß, aber recht lecker. Muss ich aber nicht unbedingt nochmal essen.

Wieso mache ich nun so eine Geschichte um einen Eintopf? Wer bosintang googelt, wird darauf stoßen, dass das Fleisch in der Suppe kein Rind, kein Schwein, kein Lamm, kein Geflügel und auch kein Wal ist - es ist Wauwau.

Nun sollte man das ausblenden, wenn man den Eintopf isst, zumindest als Europäer, denn ansonsten schmeckt das Fleisch, das in der Suppe sehr weich wird (für meinen Geschmack ein bissel zu weich), etwas wildartiger als, sagen wir, gekochtes Rindfleisch.

Wie kann man denn Hund essen? Naja, mit zwei - in Korea übrigens metallischen - Stäbchen und die Suppe danach mit einem Löffel. Ich habe den Eindruck, dass viele der Leute, die sich darüber aufregen, dass die Südkoreaner Hund essen (speziell vor Sportveranstaltungen), die gleichen Leute sind, die nur arrogant lächeln (oder sich auch aufregen), wenn ein Moslem oder ein Jude kein Schwein oder - vielleicht noch treffender, weil Hunde ja für viele Europäer eine quasireligiöse Bedeutung haben - ein Hindu kein Rind essen mag. Ja, die Hunde werden hier anscheinend nicht gut gehalten, bevor sie geschlachtet werden, aber das hält viele (einschließlich mich) auch nicht davon ab, nicht jedes Ei oder jedes Chicken-Nugget-Stück zu fragen, ob es denn von einer glücklichen Henne stammt. Im Übrigen ist es so, dass Hund wohl vor allem von älteren Koreanern gegessen wird und die jüngeren Leute hier unser (westliches) Essenstabu in Bezug auf Hundefleisch anfangen zu übernehmen. Noch kriegt man - übrigens nicht etwa versteckt in einer Seitengasse, sondern am hellichten Tag an einer Hauptstraße, auch wenn erstmal ein bisschen intensiver googeln muss -  Hund zu essen. Die einen mögen das begrüßen, die anderen nicht, so ist der Lauf der Dinge ...

Bevor es jetzt hier aber zu kulturphilosophisch wird, ging ich weiter - ich fuhr ans andere Ende der Stadt, bis fast zum Flughafen Incheon. Auf der Insel Yeongjong sollte es schöne Strände und gutes Meeresfrüchte essen geben. Ich stieg also an einer der beiden Stationen der Flughafen-S-Bahn auf dieser Insel aus und guckte mich nach einem Bus um, der an den Strand oder an den Pier fahren würde. Die Beschilderung der Busfahrpläne war fast ausschließlich auf Koreanisch, sodass ich mir gerade versuchte, mir einzuprägen, was "Yeongjong Pier" auf Koreanisch hieß, als auch schon ein Bus kam. In diesen stieg ich ein.

Nun, es ist ein wenig problematisch, auf einer Insel, die "Yeongjong" heißt und auf der irgendwie alles nach dieser Insel benannt ist, in einen Bus einzusteigen, auf dem "Yeongjong-(weiter kam ich nicht mit dem Entziffern)" steht ... Jedenfalls fuhren wir freudig in der Gegend herum, ich erblickte an den Einstiegshaltestellen gelegentlich Fahrpläne, die aufzuzeigen schienen, dass ich doch in der richtigen Richtung unterwegs bin, wir fahren auch fast schon da, als wir auf einmal wieder in den Westen abbogen. Mist. Ich stieg am Bahnhof - dreimal darf man raten, wie der heißt - "Yeongjong Station" aus und war fast schon im Begriff, mit der Flughafenbahn zurückzufahren, als ich mich doch umentschied. Als ich auf dem weg zum Taxi war, kam auf einmal ein anderer Bus vorbei, den ich jetzt noch ausprobieren wollte. Unterwegs stieg ich einmal aus und wollte zu Fuß gehen, ehe ich zu weit wegfuhr, aber dann kam doch ein Bus, auf dem sogar auf Englisch als sein Ziel mein Ziel angegeben war.

Nun, ich hatte mir das Ganze etwas pier-artiger vorgestellt, der Ausblick auf die Stadt Incheon war zwar ziemlich schön, wenn auch ein wenig diesig, aber zum Entlangflanieren oder so war nichts. Ich stolperte in eine Fischhalle, setzte mich dorthin und zahlte am Ende 18.000 Won (14 Euro) für eine Meeresfrüchtesuppe (riesig!) und einen traditionellen koreanischen Wein (ich wollte heute kein Bier trinken ...). Ersteres war sehr lecker mit vielen Muscheln, Zweiteres ... ich trinke morgen Abend wieder Bier.

Die Fähre, mit der ich nach Incheon übersetzen wollte, fuhr nicht (der Reiseführer hatte "bis 21.30 Uhr" geschrieben, Pustekuchen, die letzte fuhr um 18 Uhr, es war gerade 19.20 Uhr geworden), aber dafür fuhr noch ein Bus, der mich ja hoffentlich an einen der beiden S-Bahnhöfe bringen würde. Tat er sogar, und jetzt fuhr ich wirklich mit der S-Bahn zurück ins Hotel.

Heute und am Montag für den Weiterflug nach Taipei stelle ich mir zwei Wecker, und die auf extralaut.

Einige Anmerkungen noch:

In der U-Bahn ist genau markiert, wo die Züge zum Stehen kommen und die Türen aufgehen. Dementsprechend stellen sich die Menschen dort zweireihig an (links und rechts) und durch die Mitte können die Menschen ausstiegen. Danach steigt man ein. Sehr praktisch, so entsteht keine Menschentraube am Einstieg - könnte man in Deutschland auch machen. (Aber dann müssten die Bahnführer ja den Zug auch noch an einer bestimmten Stelle zum Stehen bringen. Ohje, das birgt Streikpotenzial.)

In der Bahn stehen dann viele und schauen sich auf ihren Handys Manhwas (koreanisch für "Mangas") an, also diese speziellen Comics, die in Ostasien verbreitet sind. Sehr interessant.

Und gestern war ich ja noch beim Baseball. Ich hatte schon in Japan gedacht, dass die Stimmung sehr gut war, aber das hier in Korea war fantastisch. Da wird die ganze Zeit gesungen, es gibt zwei DJs (für die Heim- und die Auswärtsmannschaft), die Stimmung machen, Cheerleader, und das alles während des laufenden Spiels. Das war cool.

So, normalerweise korrigiere ich meine Posts nicht mehr nachträglich, vor allem nicht für Tippfehler, die im Eifer des Gefechts passieren. Aber in die Überschrift sollte schon stimmen, deswegen habe ich die Überschrift des gestrigen Eintrags korrigiert.
Baseball in Korea

Bosintang

Donnerstag, 19. Mai 2016

Unter die Baseball-Verrückten

... gehe ich auf dieser Sportreise-Tour durch Ostasien, denn ich habe auch heute Abend vor, mir ein Baseball-Spiel anzugucken. Dann ist aber genug, denke ich.

Wir boardeten pünktlich und kamen fast pünktlich weg, landeten sogar überpünktlich in Seoul. Die Einreise ging fix, die Ansage am Grenzposten (zum Auflegen meiner Zeigefinger auf den Scanner) kam sogar auf Deutsch, weil das System natürlich erkannt hatte, dass ich mit einem deutschen Pass unterwegs bin. Der Zoll wollte nix von mir und schon war ich in mein 108. Land eingereist ...

Ich suchte und fand - die noch im Dunkeln gelegene - Schnellbahnhaltestelle, suchte und fand im zweiten Anlauf eine Verkaufsstelle für eine dieser praktischen Chipkarten (auch wenn ich mit der in Seoul wohl nicht so viel spare wie anderswo, aber irgendwie hat es sich jetzt ergeben, dass ich die Dinger sammle, also sei's drum ...), lud meine Karte auf und fuhr mit dem ersten regulären Zug heute Morgen vom Flughafen Incheon in Richtung Seoul.

Den meisten Reisenden fielen während der knapp einstündigen Zugfahrt die Äuglein zu, ich versuchte erfolgslos, standhaft zu bleiben. Kurzfristig entschied ich mich, schon vor dem Hauptbahnhof ins U-Bahn-System zu wechseln, weil ich hoffte, dass ich einige Haltestelle vorher nicht so weit laufen müsste - das war ein Fehlschluss. Das mit dem Laufen ging heute sowieso ziemlich schief: Ich wollte ja nicht so viel laufen. Hm. Nochmal neu in den nächsten Tagen versuchen ...

Jedenfalls kam ich, meine beiden Koffer hinter mir her zerrend, gegen 7 Uhr am Hotel an. Oh Wunder, natürlich konnte ich noch nicht einchecken. Ich packte erstmal um, gab meine beiden Koffer in Verwahrung und ging mit meinen Badutensilien auf die Hoteltoilette, um dort wenigstens mal Zähne zu putzen, Kontaktlinsen wieder reinzusetzen und mich auch einzuschmieren, denn der Tag versprach sonnig zu werden.

Ich quälte mich - schon morgens um 7.30 Uhr nicht so mopsfidel wie sonst durch die Großstadt hüpfend - zur U-Bahn-Haltestelle und wollte eigentlich zu einem Café am Ufer des Han, der durch Seoul fließt. Irgendwann entschied ich mich um und fuhr nach Gangnam (Gangnam-Style, yeah und so ...), wo aber um die frühe Uhrzeit noch weniger als nichts los war. Ich hatte Hunger und eigentlich auch schon wieder Durst auf ein Bier (für mich war es ja nicht 8 Uhr, sondern, ähm, irgendwie 32 Uhr am Vorabend). Es wurden zwei Bäckerwaren und anschließend ein paar Teigtaschen, danach vertilgte ich erstmal eine Cola und einen O-Saft. Ich war versucht, mich einfach auf eine Bank zu legen und ein bisschen zu pennen, aber irgendwie wollte ich das dann doch nicht ...

Ich schleppte mich zurück zur U-Bahn, fuhr jetzt dann doch in dieses Café, entdeckte es zunächst nicht und dann glücklicherweise doch noch. Das Café liegt an einer Brücke direkt am Fluss und heißt "Panarama-Café". Die hatten zum Glück einen Aufzug, und wieso das Panarama-Café (habe gerade fast "Panamora" geschrieben ...) heißt, erschloss sich mir beim Aussteigen aus dem Aufzug unmittelbar - der Ausblick war, soweit meine müden Augen das noch erfassen konnten (ooooooooh, und noch mal: ooooooooooh, ach, so ein bisschen Selbstmitleid tut einfach mal gut), fantastisch. Ich war der einzige Kunde ...

Es war inzwischen ungefähr 11 Uhr, sodass ich mich jetzt wirklich traute, ein Bierchen zu bestellen. Die hatten ein "IPA aus Korea" (ich glaube es jetzt einfach mal, der Name der Brauerei auf dem Glas klang in der Tat koreanisch), sonst nur europäische Flaschenbiere, sodass ich das IPA halt dann trank. Trinkbar war's. Währenddessen lernte ich - gefühlt - den U-Bahn-Plan auswendig (ich hatte mir heute Morgen am Flughafen noch einen Stadtplan mitgenommen, sehr sinnvolle Entscheidung, zumal mein Handy-Akku schlappmachte - die Jungs im Café hingen es liebenswürdigerweise an die Steckdose), trank noch ein zweites Bier und wollte dann so um 12.45 Uhr wagen, ob mein Zimmer denn schon bezugsfertig wäre.

Während der U-Bahn-Fahrt erschloss sich mir auf einmal, dass diese koreanischen Zeichen tatsächlich nur in Quadraten angeordnete Buchstaben sind (keine Silbensymbole wie im Chinesischen), sodass man mit ein bisschen Übung wirklich anfangen kann, die zu entziffern. Cool. Ich lief dann zwar die ganze Zeit wie ein verstreuter Professor durch die Gegend, blieb plötzlich vor Schildern stehen und malte die Zeichen in die Luft nach, der Hab-mich-lieb-Jacke bin ich aber knapp entkommen ...

Ich konnte schon einchecken (juchhe!), mein Zimmer ist direkt hinter der Rezeption (...), aber sehr schön, und natürlich ging ich schnurstracks unter die Dusche. Dreimal wusch ich mir die Haare, bis ich mich wieder einigermaßen sauber fühlte. Bääääh.

So, jetzt packe ich gleich meine sieben Sachen und gehe zum Baseball. Mal sehen, was die da so an Leckereien auffahren. Danach geht es fix wieder zurück, ich muss ja morgen um 6 Uhr aufstehen, weil ich um 7.40 Uhr schon am Treffpunkt für die Fahrt zur demilitarisierten Zone sein muss. Die haben mir heute geschrieben, dass sich der "Treffpunkt" geändert habe - "wir" treffen uns jetzt rein zufällig bei dem Büro eines anderen Touranbieters. Ganz offenbar waren bei meinem Anbieter für morgen zu wenige Anmeldungen hereingekommen, sodass sie mich jetzt praktisch umgebucht haben - solange ich nur den vereinbarten Preis zahlen muss, soll's mir recht sein. Ich bin sehr gespannt und werde morgen Abend berichten ...

Blick auf den Han und einen Teil der Skyline von Seoul

Diverse Knöpfe an der Toilette auch in Südkorea - aber hier gibt's wenigstens einen, den ich kenne und dem ich vertraue: Der ist direkt am Wasserkasten und spült.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Alle veräppeln

... wollten sie mich heute, aber nix da, ich habe einfach gemacht, was ich wollte - naja, nicht immer, aber meistens, hm, okay, manchmal, argh ...

Ich war gestern Abend ja erst spät ins Bett gekommen, aber das half nichts, dass ich bis um 10 Uhr auschecken musste. Also quälte ich mich aus meinem Bett, ging duschen und frühstücken. Danach ging ich nochmal ins Zimmer, packte, checkte aus (was sehr schnell ging) und deponierte mein Gepäck im Hotel; ich würde heute Abend zurückkommen, es holen und dann zum Flughafen fahren. Das war der Plan. Höhö.

Ich ging in strahlendem Sonnenschein (das blieb auch den ganzen Tag so, ich hatte mich eingeschmiert, aber habe jetzt ein bisschen Farbe bekommen) zu "meinem" Bahnhof in Kamata, setzte mich in meine Linie und stieg irgendwo unterwegs in die Ringlinie um. Mit der fuhr ich bis Harajuku, denn ich wollte auf den Aussichtsturm der Stadtregierung. Dazu stieg ich also in Harajuku aus und lief und lief und lief in einem klimatisierten Gang mit Rollbändern und lief und lief und lief. Ich bin kein Volkswagen, deswegen lief ich irgendwann nicht weiter, denn ich war da, wo ich hinwollte. Die Schlange für die Aufzüge zur Aussichtsplattform war sehr kurz, der Blick in meine Tasche sehr pro forma (solange da keine Drähte rausgucken, kann man mit da hochnehmen, was man möchte) und mit dem ersten Schwung stand ich im Fahrstuhl hoch in den 45. Stock.

Obwohl die Aussichtsplattform in meinem Online-Reiseführer stand, halte ich sie für einen Geheimtipp - denn dafür, dass man von da oben einen so fantastischen Ausblick hat, und vor allem dafür, dass das Ganze kostenlos ist (!!!), war erstaunlich wenig im 45. Stock los. Man sieht nicht nur, wie riesenriesenriesengroß diese Stadt, man sieht nicht nur Wolkenkratzer wie den Tokyo Skytree, man sieht nicht nur - ja, ganz dahinten - den Pazifik, sondern man sieht auch den Fudschijama, den bekanntesten Berg Japans. Wow, sehr, sehr beeindruckend. Nach der Aufnahme einer angemessen großen Zahl von Fotos einschließlich Selfies und dem Kauf einiger Postkarten (die dann geschrieben und im gut versteckten Postamt unten in der Stadtverwaltung abgegeben wurden) stieg ich gleich in die U-Bahn um und fuhr in Richtung Yasukuni-Schrein (den ich jetzt auf Deutsch als "Jasukuni" umschreiben müsste, aber so schreibt den selbst in Deutschland keiner).

Um diesen Yasukuni-Schrein wird so ein Bohai gemacht, weil dort auch Kriegsverbrechern gedacht wird. Besonders wenn der japanische Premierminister in seiner Funktion als Premier (und nicht etwa als Privatmensch) dort auftaucht, hagelt es sofort Protestnoten aus Korea (da sind sich Norden und Süden anscheinend sogar mal einig) und China, weil diese Länder dieses Gedenken als Verherrlichung des Krieges ansehen.

Diesen Schrein guckte ich mir also mal und natürlich ist für den Normalchristen dort nichts zu erkennen, was auf irgendwelche politische Bedeutung schließen lässt. Im Übrigen ist die umgebende Parkanlage einfach schön.

Ebenfalls sehr schön ist der Kitanomaru-Park, der vom Yasukuni-Park nur durch eine Straßenbrücke getrennt ist. Von der sehr lebendigen Stadt kommt man schlagartig in eine Oase der Ruhe mit großen Rasenflächen, kleinen Wäldchen mitsamt Spazierwegen und einigen Wasserflächen. Dieser und der noch größere Kaiserliche Garten (soweit er zugänglich ist, aber das was zugänglich ist, ist völlig ausreichend ...) sind für meinen Geschmack so etwas wie Tokios Central Park - das ist richtig schön, und das Schlendern dort im Park war sogar mal richtig Urlaub.

"Richtig Urlaub" ist der Einsatz für den großen Auftritt - Trommelwirbel - meiner Füße. Die wollten nämlich nicht mehr und riefen laut und deutlich: "Wir wollen zum Baseball, da kann der da oben drei Stunden auf seinem Stühlchen sitzen und sich das Bier von den Kanistermädchen an den Platz bringen lassen." Die Leute guckten schon, wer da so laut ruft, also gab ich nach und versprach meinen Füßen den Gang zum Baseball.

Nun fing das Baseballspiel wie gestern um 18.15 Uhr an; es wäre also so gegen 21.15 Uhr zu Ende; um 22 Uhr wäre ich spätestens am S-Bahnhof und ich bräuchte sicher eineinhalb Stunden ins Hotel, wo ich also - wenn alles gut lief - um 23.30 Uhr ankäme. Mein Flieger geht gleich um 2 Uhr, bis ich dann am Flughafen gewesen wäre - das wäre alles knapp geworden. Ich entschied mich also, mein Gepäck sofort zu holen und dann in einem der Schließfächer, die es hier an den meisten Bahnhöfen gibt, einzuschließen, sodass ich mir den Weg nach dem Baseball spare. Am günstigen erwies sich der Bahnhof Hamamatsuchō (wusste ichs doch, dass auf das "o" ein Strich kommt), weil der nicht nur auf meiner Strecke in Richtung Baseball lag, sondern auch den einen Endpunkt der Einspurbahn zum Flughafen in Haneda bildete (ich kam in Narita an, fliege jetzt aber von Haneda weg; auf dem Heimweg komme ich in Narita an und fliege von dort auch wieder weg). Außerdem könnte ich dann noch bei meinem Sushi-Laden zu Mittag essen - das war mein Plan.

Es kam alles anders: Ein Selbstmörder (vielleicht war's auch wirklich nur ein Personalunfall mit Verletzung, ich weiß nicht) bremste mich übel aus. Ich war gerade in Tamachi an meinem Bahnsteig, als die japanische Bahn, die  im Durchschnitt zehn Sekunden (Sekunden, nicht Minuten!) Verspätung hat, eine Viertelstunde Verspätung anzeigte. Es wurden 20, 25, 30 Minuten. Was nun? Es war jetzt etwa 15.15 Uhr; ich hatte zehn Minuten Fahrtstrecke vor mir, Essen dauert auch seine Zeit und zum Hotel musste ich auch noch (und Eintrittskarten fürs Baseball kaufen) - um 16 Uhr, allerspätestens 16.30 Uhr sollte ich schon im Zug zurück in Richtung Chiba zum Baseball sitzen. Hm. Knapp. Es wurden 40 Minuten, 50 Minuten (der kommt jetzt eh nicht mehr), ehe ich mich entschied, jetzt hier in Tamachi zu Essen und meinen ursprünglichen Plan (abends, also nach dem Baseball, mein Gepäck zu holen zu verwirklichen). Jetzt war ich ja aber in Tamachi durch die Chipkartenkontrolle gegangen und wurde beim Versuch, am gleichen Bahnhof wieder rauszugehen, abgewiesen. Doof. Also ging ich zum Bahnsteig in Richtung Hauptbahnhof und sah in dem Moment die Bahn, auf die ich 55 Minuten gewartet hatte, abfahren. Das konnte nicht euer Ernst sein, Bahn!

Wenigstens war die Streckensperrung jetzt aufgehoben, ich entschied mich abermals um, nahm den nächsten Zug, jetzt war Sushischaufeln im Schnelldurchgang angesagt. Ich kam gegen 15.45 Uhr an meinem Sushi-Lokal an - es war zu! Mittagpause! Hatten sich denn alle gegen mich verschworen?

Nein! Der Automat im FamilyMart gab mir im zweiten Anlauf meine Baseballkarte, das Hotel gab mir meinen Koffer, jetzt musste ich halt in Chiba was zu essen auftreiben. Zurück zum Bahnhof, ich nahm den Zug um 16 Uhr, schloss in Hamamatsuchō für zweimal vier Euro mein Gepäck ein, fuhr weiter zum Hauptbahnhof, stieg dort um in die Bahn in Richtung Chiba und kam eine Stunde vor Spielbeginn am Bahnhof an.

Sushi wurden es heute keine, sondern Ramen, spezielle Nudeln, wieder mit Fleisch und diesmal mit Ei obendruff, bei der letzten Nudel bekleckerte ich mich (ich muss ja jetzt den ersten Tag in Seoul auch noch ungeduscht überstehen, naja, vielleicht dusche ich am Flughafen, wenn das geht) und nahm eine halbe Stunde vor Spielbeginn den Shuttlebus. Ich stieg aus, roch lecker Grillfleisch und bestellte nochmal fünf Spießchen, wobei ich die Inhaber zum Lachen brachte, weil ich halt von jedem eins probieren wollte ...

Die Nationalhymne verpasste ich, und ich scheine beim Baseball der Heimmannschaft nur am ersten Spieltag Glück zu bringen. Heute verlor Chiba (gegen den gleichen Gegner wie gestern und morgen, das ist im Baseball so üblich) mit 0:3. Schade. Feuerwerk gab's zwischendrin trotzdem! War vielleicht als Anfeuerung gedacht ... Achso, als sich heute der eine Schlagmann von Chiba und der Catcher von Seitama das erste Mal am Schlagmal sahen, haben sie sich voreinander kurz verbeugt - sowas passiert in der US-Liga bestimmt eher selten ...

Heute war die Schlange für den Shuttlebus kurz nach dem Spiel deutlich länger als gestern, weil gestern weniger Zuschauer da waren und die auch für die Siegesfeierlichkeiten blieben; aber auch so kam ich schnell zum Bahnhof. Natürlich fuhren jetzt alle Züge pünktlich und ich war mit Umsteigen am Hauptbahnhof und in Hamamatsuchō (das schreibe ich gern, gell?) schon in der Einspurbahn.

Bei Nacht ist die zwanzigminütige Fahrt zum Flughafen schon beeindruckend, bei Tag muss sie absolut fantastisch sein, weil man jede Menge Panoramablicke auf Tokio und Hafen und Bucht und alles Mögliche hat. Ich habe Tokio ja schon gestern meine baldige Wiederkehr angedroht, jetzt ist es endgültig soweit (zumal sich ja bei solchen Flugpreisen, die günstiger als nach Amerika sind, fast schon eine Woche oder so - Betonung auf "oder so" - lohnt ...).

Der Check-in hier ging fix, nachdem sich die Check-in-Damen alle hübsch vor ihren Kabüffchen aufgestellt und sich dann verbeugt hatten - das war richtig süß ...

Sicherheitskontrolle und Ausreise überstand ich (ich bekam den Stempel in den Pass um genau 0.01 Uhr) problemlos und jetzt sitze ich hier in dem sehr schönen Flughafen Haneda und bin schon sehr gespannt auf Seoul: Mein Flieger geht um 2 Uhr Ortszeit und braucht etwa zweieinhalb Stunden; ich bin also gegen halb fünf in Seoul und schlage mich dann in Richtung meines Hotels durch, bei dem ich mein Gepäck abzugeben gedenke. Danach werde ich koreanisch frühstücken und mal sehen, wie ich mir so den Tag vertreibe, bis ich um 15 Uhr dann einchecken kann ...

Land Nr. 108, ich komme ...
Skyline Tokio

Da hinten ist er, der Fujiyama (jetzt auf Englisch geschrieben)

Yasukuni-Schrein

Tor zum Kitanomaru-Park

Im Kitanomaru-Park

Im Kaiserlichen Garten

Feuerwerk trotz Niederlage

Dienstag, 17. Mai 2016

Eine Seefahrt, die ist lustig

... jaja, so langsam reicht es mit den deutschsprachigen Liedtexten, okay ...

"Bewölkt" war der Himmel durchaus, aber dabei blieb es leider nicht, denn der Himmel hatte heute Morgen seine Pforten geöffnet. Ich hatte in weiser Voraussicht meine knallrote Wetterjacke (anstelle meines Sakkos) mitgenommen und durfte dieses also gleich unten vor der Hoteltür anziehen.

Ich hatte heute Morgen im Bett noch ein wenig im Internet gesurft, weil ich ja schon vor ein paar Wochen um dieses Baseballspiel heute in Chiba herumgeschlichen war. Die Webseite dieses Vereins gibt es nach wie vor nur auf Japanisch, aber ich fand eine Erklärungsseite, wie man an den Automaten der hier an jeder Straßenecke vorhandenen 24-Stunden-Läden die Karten ziehen kann (dabei sollte man genau bezeichneten japanischen Schriftzeichen folgen ...).

Im 7-Eleven bekam ich es nicht gebacken, weil es die Zeichenfolge, die da in meiner Anleitung standen, überhaupt nicht (mehr) gab, sodass ich mich in die nächste Alternative, den FamilyMart, aufmachte. Nach einigen Versuchen erwischte ich die Seite mit Baseball und musste dann eine von sechs gegnerischen Mannschaften aussuchen. Es wäre ja zu einfach, wenn die chronologisch sortiert gewesen wären, vielmehr ging ich im FamilyMart-WLAN online, guckte, wie der heutige Gegner auf Japanisch geschrieben wird, verglich das mit den Zeichenfolge der Mannschaften - und siehe da, ich hatte die Saitama Seibu Lions gefunden. Dann tauchte auch etwas auf, was ich als Datum "17. Mai" entziffern konnte - juchhe. Anschließend kam eine Seite mit Preisen, ich wählte eine Karte für 2.800 Yen (etwa 22 Euro oder so). Aber dann kamen zwei Hinweisseiten, wo ich durch Ausprobieren (drei- oder viermal drückte ich den falschen Knopf und musste von vorn anfangen ...) die richtige Kombination fand, aber als ich irgendwelche Zahlen eingeben musste, ließ ich allen Das-will-ich-selber-hinkriegen-Stolz fahren und bat um Hilfe. Die Bedienung in dem Supermarkt erläuterte mir, dass ich nur meine Telefonnummer eingeben müsste - was ich dann tat - und dann druckte sie mir einen Zettel aus, mit dem ich an der Kasse meine Eintrittskarte bekam. Wahrscheinlich bin ich tatsächlich der einzige Ausländer in ganz Japan, der sich seine verflixte Eintrittskarte selber vorab kaufen will. Ts.

Ich trat wieder hinaus in den Regen, als mir klar wurde, dass Baseballspiele bei Regen nicht selten abgesagt werden - ich hatte aber Hoffnung, denn heute Nachmittag sollte es zu regnen aufhören (und außerdem ist Chiba ein ganzes Stück von Kamata entfernt!).

Ich fuhr in die Stadt (die Japaner haben übrigens alle - alle! - Regenschirme und keine Regencapes, Letzteres ist ein eindeutiges Erkennungsmerkmal für Ausländer) und lief zum Asakusa-Tempel. Diese buddhistische Tempelanlage ist wirklich außergewöhnlich schön, mit dem ersten und dem zweiten Eingangstor, mit der Pagode an der Seite, die angeblich Asche von Buddha beherbergen soll. Nicht ganz so schön, jedenfalls im Regen, sind die vielen Stände mit Opfergaben (und Nippes) auf dem Weg zu der Tempelanlage, denn es regnet von allen Seiten auf dich herab und manche Leute rempeln einen in dieser engen Gasse dann auch mit ihren Regenschirmen an. Naja, ich habe es offensichtlich überlebt.

Ich ging einen etwas anderen Weg zurück als hin und kam an einer kleinen Gaststätte vorbei, die Nudelsuppen mit Einlage anbot. An solchen kleinen Gaststätten gibt es außen so Automaten, an denen man ein Essen wie eine Marke am Zigarettenautomaten auswählt, bezahlt, ein Plastikkärtchen erhält und dieses dann bei der Bedienung abgibt. Das ist für beide Seiten praktisch, denn so muss die nicht Geld wechseln und ich muss nicht reden, was sowieso nix bringen würde, weil mein Japanisch immer noch nicht besser geworden ist seit vorgestern. Ich bekam den letzten freien Platz im Lokal mit einer dreiköpfigen Familie am Tisch und guckte erstmal den Japanern beim Essen zu. Da wird geschlürft, was das Zeug, denn so werden die Nudeln angeblich gleichzeitig gekühlt. Als mein Essen kam, probierte ich das mit dem Schlürfen, aber wie das so ist, was einem die Eltern gründlich ausgetrieben haben, kriegt man nicht auf die Schnelle wieder so hin. Ich verbrannte mir also beim erfolglosen Schlürfversuch ganz hübsch die Lippen, verteilte einen nicht unbeträchtlichen Teil der Suppe auf meinem glücklicherweise bunt gemusterten Hemd und war am Ende pappsatt: Die ordentliche Brühe enthält gefühlt ein halbes Kilo Nudeln, obendruff sind noch fünf flache Fleischstücke und ein bisschen Sellerie und Zeugs. Nein, Fotos gibt's nicht, weil ich es bescheuert finde, in einem normalen Einheimischenlokal sein Essen zu fotografieren. War sehr lecker, aber ich war pappsatt, zumal ich erst zwei Stunden vorher gefrühstückt hatte. Man steht dann einfach auf und geht, zumal draußen manchmal noch Leute auf eigens bereitgestellten Hockerchen warten.

Ich fuhr wieder mit der U-Bahn, diesmal in Richtung Shibuya, stieg dort in die Ring-Linie ein und fuhr noch eine Station. Ich wollte nämlich zum Meiji-Schrein. Dieser Schrein für den Kaiser, der zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert Japan zum Ausland hin öffnete, liegt in einem wunderschönen Park, der bei Sonne ganz bestimmt noch schöner ist. Der Schrein selbst ist nur von außen anzuschauen, und selbst da darf nicht so richtig fotografiert werden, sodass ich fototechnisch mit den immer noch sehr hübsch anzusehenden Außenanlagen vorliebnehmen musste. Hier kann man dann auch Wünsche auf ein Holztäfelchen schreiben und dieses an Vorrichtungen um einen großen Baum herum anbringen, auf dass sie in Erfüllung gehen.

Nach dem Besuch dort fuhr ich wieder zurück nach Ahikabara und musste noch ein bisschen Zeit überbrücken, weil ich nicht extrem viel zu früh in Chiba landen wollte. Ich guckte mich in der "Electric City" um, wo es allerhand Elektrokrams zu kaufen gibt, überlegte, ob ich in eine Maid Bar gehe, in der die Kellnerinnen wie knallbunt bekleidete Hausmädchen herumlaufen, ließ es aber sein, als ich las, dass es da manche Kellnerinnen übertreiben und die Kundschaft mit dem Löffelchen füttern ...

Stattdessen entwickelte sich Appetit auf ein Bier, und ich fand eine Kneipe in einem Untergeschoss. Mir schallte Blasmusik entgegen und eindeutig als Deutsch identifizierbarer Gesang. Ich setzte mich - angewiesen von einer in deutschen Tracht gekleideten Kellnerin - hin und bekam bei "Eine Seefahrt, die ist lustig", "Das Wandern ist des Müllers Lust" und so'n Schnulli immer wieder von Neuem einen Lachanfall. "Bier her, Bier her, oder ich fall um" kam zwar aus den Lautsprechern, aber die Kellnerinnen verstanden mich nicht, sodass ich doch auf die Speisekarte zeigen musste. Es war wirklich und ernsthaft zum Schießen. Nur wenn die Japaner denken, dass das der aktuelle deutsche Musikgeschmack ist, dann sind sie ungefähr 60 Jahre zu spät dran. Grässlich.

Ich bezahlte, stieg wieder auf zum Bahnhof und in die Bahn ein, musste einfach umsteigen und kam dann am dem Stadion nächstgelegenen S-Bahnhof an. Da standen ein paar Jungs in der Gegend herum, die man guten Gewissens als Baseballfans identifizieren durfte, sodass ich guter Dinge war, dass das Spiel doch stattfindet und mich in Richtung Stadion begab. Ich kam nur ein paar hundert Meter weit, als mir der Shuttlebus ins Auge fiel, der für 100 Yen (80 Cent) die paar Minuten vom Bahnhof zum Stadion fährt - ein sehr gutes Zeichen ...

Ich war etwa eine Stunde vor dem Spiel am Stadion, guckte mich im Fanshop um, erwarb die günstigstmögliche Baseballkappe (so'n Riesenfan von den Chiba Lotte Marines werde ich wohl doch nicht, um für 'ne Kappe 50 Euro auszugeben) und ging ins Stadion. Die Eingangskontrolle überstand ich unverletzt, nur leider waren die Sitze unüberdacht, und es hatte nach zwischenzeitlichem Nichtregen (von Trockenheit will ich nicht reden) wieder angefangen zu nieseln. Ich überlegte, wie ich meinen Sitz vom Regen befreie, als schon eine Bedienstete mit einem Lappen neben mir stand und das für mich übernahm - sehr aufmerksam. Überhaupt lief da jede Menge "Crew" herum ...

Lustig sind die weiblichen Teile der Crew, die in Biermarkenuniform und mit Biertornister auf dem Rücken (!) alle 60-90 Sekunden die Treppe runterrennen, sich am Treppenabsatz winkend bemerkbar machen und dann - heute war dank des Wetters leider sehr geringer Besuch - meist enttäuscht wieder nach oben liefen. Eine Minute später kam wieder die nächste Dame; irgendwann hatte ich Mitleid und bestellte ein Bier aus dem Tornister. War trinkbar, wenn auch mit 700 Yen (6 Euro) ein wenig teuer.

Nun saßen wir da mit Regencape bewaffnet kurz vor dem Spiel auf unseren Sitzen, da tauchten meine Nebenleute und ich auf der Videowand auf. Hallo, winke, winke, Daumen hoch, wieder etwas abgehakt, was ich in meinem Leben immer mal wieder haben wollte ...

Pünktlich zur Nationalhymne hörte der Regen auf, so stellt der Kaiser (von Japan, nicht der Franz) sich das vor.

Das Spiel war in den ersten Innings sehr wenig unterhaltsam, die beiden Mannschaften bekamen kaum einen Läufer bis zur ersten, geschweige denn bis zur zweiten Base. Im vierten Inning schlug der Schläger der Gastmannschaft einen Homerun, was aber - da keine Base besetzt war - nur einen Run einbrachte. Im fünften Inning dann jedoch brach der Pitcher (Werfer) der Gastmannschaft brutal ein und Chiba erzielte in einem einzigen Inning vier Runs, die mussten wieder von vorne anfangen mit den Schlägern, weil alle schonmal drangewesen waren ...

Nachdem der Gast-Pitcher ersetzt worden war, beruhigte sich das Spiel wieder, sodass Chiba am Ende mit 5:2 gewann. Doch, das waren wirklich kurzweilige drei Stunden - ich verstehe immer noch nicht, was so viele Deutsche gegen Baseball haben. Klar muss man die Regeln erstmal verstehen, aber dann kann man das wirklich genießen. (Und Stimmung haben die beiden Fangruppen trotz des ungemütlichen Wetters sehr, sehr ordentlich gemacht!)

Der Bus zurück fuhr (hier stellt man sich selbstverständlich in der Schlange an, bis man an der Reihe ist mit dem Einsteigen) und die S-Bahn-Fahrerei in Tokio ist für mich inzwischen ja fast schon Routine (haha). Unten in meinem FamilyMart um die Ecke kaufte ich noch etwas zu trinken und drei warme Hackfleischbällchen zu essen, die ich dann im Zimmer verspeiste.

Jetzt ist es schon halb eins hier, ich muss morgen um 10 Uhr auschecken, ohjeohje. Ich werde mein Gepäck hier aufbewahren lassen, denn morgen Abend muss ich schon zum Flughafen. Mein Flieger geht um 2 Uhr nachts und um 4.25 Uhr bin ich planmäßig in Seoul. Aber davor gucke ich mir - bei hoffentlich schönerem Wetter - noch die kaiserlichen Gärten an.

Tokio ist hoch-, hoch-, hochinteressant. Natürlich konnte ich in den zwei, drei Tagen nicht alles sehen von Tokio ("alles sehen" geht wahrscheinlich in drei Jahrzehnten nicht, und dann müsste man eh wieder von vorne anfangen), aber der Eindruck, den ich gewonnen habe, ist ein wirklich guter. Hier gefällt es mir.

Auch wenn natürlich dieses Verbeugen und Sumo und Tempel und Schreine und Essenbestellen am Automaten ungewohnt sind und auch wenn die Japaner es einem nicht so ganz extrem einfach machen, hier nur mit Englisch durchzukommen: Irgendwie fühle ich mich in Tokio nicht so "fremd" wie in anderen Gegenden der Erde. Das liegt vielleicht daran, dass die Japaner auch so pünktlich sind wie man das uns Deutschen nachsagt, dass es hier so ordentlich und aufgeräumt ist wie in Deutschland (mit Ausnahme meiner Wohnung). Der Zug fährt halt, wenn er soll, die Leute stehen auf der linken Seite der Rolltreppe und gehen auf der rechten, die Beschilderung in der Bahn ist super, keiner haut dich beim Essen übers Ohr, du zahlst keine Touristensteuer, es hat wahrscheinlich seinen Grund, wieso man die Japaner die Preußen Asiens genannt hat. Schön ist's in Tokio

Laterne unter dem Tor zum Asakusa-Tempel

Tor zum Asakusa-Tempel
Hier liegt Asche von Buddha, oder so

Sakefässer im Meiji-Park

Meiji-Schrein

Gute Wünsche

Baseball in Japan
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Montag, 16. Mai 2016

Gerumpelt

...  hat es heute, und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Das Aufstehen heute Morgen war, sagen wir, schwierig. Mein Körper sagte mir, als mein Wecker um 6 Uhr runterging: "Wieso willst du um 23 Uhr aufstehen? Wieso bist du schon um 17 Uhr ins Bett? Was machst du hier überhaupt?" Man soll auf seinen Körper hören, und ich stellte den Wecker im Halbstundenrhythmus weiter, bis ich dann um 8.30 Uhr aufstehen konnte. Mein Körper wollte doch schon wieder etwas zu essen haben, und Frühstück gab es im Hotel nur bis 9.30 Uhr. Ich stellte meinen Körper unter die Dusche (abnehmbarer Duschkopf mit gutem Wasserdruck, eine Wohltat für meinen verspannten Hals und Nacken) und fuhr dann runter zur Lobby und zum Frühstück.

Es war eine sehr interessante Mischung aus typisch japanischem (Reissalat mit Bohnen, Makrele, Hackfleischbällchen in einer Honigsoße) und westlichem Frühstück (Rührei, Würstchen, Coca-Cola), vor allem die Cola tat gut. Zu allem Überfluss hatte ich mich an der Kaffeemaschine verdrückt und bekam anstatt der heißen Schokolade einen Kaffee Mokka. Pfui Deibel!

Ich lief durch meine - noch ziemlich verschlafene - Einkaufsstraße zum Bahnhof, ging schnellen Schrittes und zielsicher wie ein Tokioter (höhö) zu meiner Bahn, fuhr bis zur Haltestelle Akihabara nördlich des Hauptbahnhofs und stieg dort in eine andere Bahn um, um nach zwei Haltestellen am Ryōgoku Kokugikan, der Sumohalle, auszusteigen. Die U-Bahnen in Tokio haben keine Nummern, sondern Namen. Man darf nur nicht den Fehler machen, sich die alle einprägen zu wollen, denn die Namen werden in den Fahrplänen praktischerweise in ein- oder zwei Buchstaben umfassende Kombinationen gepresst und mit Farben versehen. Nach einem Tag hat man das raus. Sehr praktisch ist, dass die Haltestellen einer bestimmten Linie prominent nummeriert sind, und dann hat halt die 4. Station auf der Tamagawa-Linie die Nummer TM-04. Das kann man sich sogar als Ausländer merken.

Die Kartenabholung morgens um 10.30 Uhr war problemlos: Man zieht seine Kreditkarte durch einen dort aufgestellten Automaten und die Karte kommt raus. Japan kann auch einfach sein ... Beim Einlass bekam ich einen Hallenplan und eine Übersicht, wer heute gegen wen kämpfen würde. Ich ging hinein, stellte fest, dass ich auf der oberen Tribüne saß und fuhr mit der Rolltreppe (die Japaner lieben Rolltreppen, überall gibt's welche) hoch. Ich hatte festgestellt, dass ich durch den Eingang 6 musste, um dann in Reihe 12 auf Platz 71 zu sitzen. Dort setzte ich mich hin (es war so früh am Morgen noch gähnende Leere, nichts da mit 13.000 Leuten, die da reinpassen) und guckte mir die ersten "Vorkämpfe" an.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, also mache ich mal einen gefilterten Gedankenstrom: In der Mitte der Arena ist der Ring von einem Durchmesser von 4,50 m oder so, in dem gekämpft wird. Der Ring befindet sich auf einem etwa 5,50 m x 5,50 m großen und 60 cm hohen "Podest" aus so einem lehmartigen Material (jedenfalls sah es von Ferne so aus). Über dem Ring ist ein großes Dach aufgehängt, das wohl an einen Tempel erinnern soll, weil die Sumo-Kämpfe früher auch religiöse Bedeutung hatten. Das merkt man übrigens daran, dass man erstens auch nach der Verstaltung nicht irgendwie diesen Ring betreten soll, weil der immer noch als geheiligt gilt, und dass zweitens die Sumo-Kämpfer vor dem Kampf etliche rituelle Handlungen begehen, mehr dazu gleich.

Um den Ring herum sitzen - zum Teil direkt hinten den Wettkampfrichtern - die erste Zuschauer, und zwar auf Polstern auf dem Boden. Man kann, etwas dahinter, auch eine Box kaufen, das sind dann vier Polster auf dem Boden, die ein bisschen umzäunt sind, sodass man da sein festes Areal hat. Auf dem Oberrang gibt es aber - Gott sei Dank - ganz normale Stühle, sonst hätte ich es da heute nicht so lange ausgehalten, wenn ich auf dem Boden hätte sitzen sollen. Die Japaner sind das eher gewöhnt.

Vor dem Kampf betritt so eine Art Ansager den Ring, der in einer speziellen Art (mit ziemlich hohen Tönen für einen Mann) sagt/singt, wer die beiden Kämpfer sind. Diese treten dann in ihrer leichten Bekleidung in den Ring. Ganz und gar nicht leicht bekleidet ist der Schiedsrichter, der trägt einen Kimono und hat einen schwarzen Hut auf, wie man ihn früher am Hofe trug. In der Hand hat er eine Art Schild, mit dem er am Ende des Kampfes den Sieger anzeigt. Die Schiedsrichter haben - wie die Ringer - unterschiedliche Ränge, was man zum Beispiel sehr deutlich daran sieht, dass die niederen Schiedsrichter für die niederen Ringer wie diese selbst barfuß sind, während die höheren Schiedsrichter Socken und spezielle Schläppchen tragen, wenn ich das richtig gesehen habe. Die Ringer klatschen dann in die Hand und stampfen mit beiden Beinen am Rande des Rings auf den Boden, um das Böse aus dem Ring zu vertreiben. Danach stellen sie sich in die Mitte des Rings und versuchen, sich mit weiterem Gestampfe gegenseitig einzuschüchtern. Der Kampf startet, sobald beide Ringer hinter ihren jeweiligen Markierungen gleichzeitig beide Fäuste auf dem Boden haben. Je höher der Rang der Ringer ist, desto länger dauert das Vorgeplänkel: Bei den Meistern stehen sie dann zwei-, dreimal wieder aus ihrer Grundhocke auf, schlafen sich nochmal selbst auf den Beine oder den Rücken, werfen Reis zur Reinigung des Rings (und zum Kirremachen des Gegners) in den Ring, ehe es dann endlich losgeht.

Der Kampf selbst ist in der Regel binnen zehn, zwanzig Sekunden erledigt. Ein besonders langer Kampf heute dauerte sicher zwei, vielleicht drei Minuten. Danach waren die beiden Wettkämpfer allerdings so richtig geschafft, die kamen kaum mehr vom Boden hoch. Das geht so schnell, weil der Kampf zu Ende ist, sobald einer der beiden mit einem Körperteil außerhalb des Rings ist oder aber mit einem anderen Körperteil als der Fußsohle den Boden berührt. Manchmal stürzen beide aus dem Ring (und auch durchaus mal diesen halben Meter von dem Podest runter), und dann kann es zu einer Kampfwiederholung kommen, wenn die fünf Kampfrichter (die um den Ring herumsitzen) sich nicht einig sind, wer zuerst draußen bzw. am Boden war.

Nach dem Kampf verbeugen sich die Kämpfer, und während der Verlierer gleich abtritt, geht der Sieger noch einmal in die Hocke und bekommt vom Schiedsrichter das Siegesschild gezeigt (und manchmal, in den gesponserten Kämpfen ganz am Ende, auch einen Umschlag mit Geld).

Das Turnier, bei ich heute war, dauert 15 Tage (heute war der 9. Tag) und ist eines von sechs Turnieren im ganzen Jahr. Jeder Ringer tritt genau einmal am Tag an, und wer am Ende die meisten Siege hat, hat das Turnier halt gewonnen. Normalerweise sollten die yokozunas, die höchstrangigen Kämpfer (die sich diesen Titel durch Leistung erworben haben), die anderen besiegen. Das klappt auch meistens, aber nicht immer; wenn ein yokozuna dauerhaft schwach ist, wird von ihm erwartet, dass er zurücktritt.

Soviel in Kurzform (naja ...) zu den Regeln.

Nachdem ich also die erste Dreiviertelstunde oder so auf meinem Platz gesessen hatte, machte ich mal eine kleine Runde, kaufte mir eine kurze englischsprachige Zusammenfassung des Sports (sehr empfehlenswert, zumal das kleine Heftchen nur 100 Yen kostet, also 80 Cent), schaute mir die Imbiss- und die Souvenirstände an. Das Ganze ist sehr entspannt, man kann kommen und gehen, wann man möchte, man darf sogar einmal am Tag das Gelände insgesamt verlassen und wird danach wieder eingelassen - sehr schön.

Mein Mittagessen nahm ich im Untergeschoss ein: Dort bieten einige ältere Damen so einen Eintopf mit Gemüse und Fleisch an. Man zahlt 250 Yen (2 Euro) und holt sich dann eine Schüssel mit dem Zeug, setzt sich an einen der großen Tische, isst mit den Stäbchen die Einlage raus und trinkt die Suppe danach wie ein Glas aus - macht jeder so, dann darf ich das auch ...

Ich ging wieder auf meinen Platz, denn so langsam gingen die Vorkämpfe der niederen Kämpfe in die Kämpfe der Mittelklasse über.

Beim Blick über den Hallenplan (die Kämpfer werden relativ willkürlich einer "West"- und einer "Ost"-Mannschaft zugeordnet und stehen entsprechend in der Ecke) stellte ich fest, dass ich die Rechnung für meinen Sitzplatz ohne das komische japanische Schriftzeichen vor der 12 gemacht: Es gibt nämlich Reihe 12/Platz 71 gleich viermal in der Arena, und zwar auf der Haupttribüne, auf der Gegentribüne, auf der West- und auf der Osttribüne. Mein Zeichen bedeutete "Osttribüne", ich saß aber auf der Haupttribüne. Also ging ich ein Viertel des Rundwegs um die Arena weiter und setzte mich halt auf Reihe 12/Platz 71 auf der Osttribüne - gesehen hat man von überall ziemlich gut.

Während der Mittelklasse füllte sich die Arena deutlich, und als die Meister dann einzogen (die tragen da so riesige zeremonielle Schürzen für diesen Einmarsch), war es schon ziemlich voll. Den Abschluss des rituellen Einmarsches bildet die rituelle Reinigung des Rings durch die yokozunas (jeweils einzeln). Dabei wird eifrig beklatscht, wenn der yokozuna mit seinem Aufstampfen den Ring vom Bösen befreit hat.

Man könnte über die Ernsthaftigkeit, mit der diese rituellen Handlungen vorgenommen werden, ein wenig schmunzeln, aber man kann es auch wie die Japaner sehen, nämlich dass Sumo unter den Sportarten dieser Welt einzigartig darin ist, dass er sich seine Geschichte und der aus ihr hervorgegangenen Riten sehr bewusst ist. Und weh tut es übrigens nicht, wenn man sich mal anschaut.

Man könnte auch ein wenig darüber schmunzeln, dass die Vorbereitungshandlungen der beiden Ringer mit dem In-die-Hocke-gehen, dem So-tun-als-ob-man-angreift, dem Wiederaufstehen, dem Reiswerfen und das Ganze nochmal von vorn so lange dauern, und der Kampf dann nur drei Sekunden, wenn - wie in dem einen Fall - der vermeintlich verteidigende Ringer dem Angreifer ins Gesicht greift (erlaubt!), ihm praktisch eine schmiert (Faustschläge sind verboten, aber diese Ohrfeigen sind in Ordnung, weil man dem Gegner auch an den Hals oder eben ins Gesicht greifen darf und dabei auch ab und zu "abrutscht") und der Angreifer dann von seinem eigenen Schwung mitgerissen wird und in den Ring plumpst. Man kann aber auch das ganze Training sehen und die verschiedenen Grifftechniken und die enorme physische Anstrengung, einen 150-bis-200-Kilo-Mann zu Boden zu bringen und dabei selbst stehen zu bleiben.

Und spätestens wenn man sieht, wie die ganze Arena jubelt, weil der Niederrangige den einen yokuzuna besiegt hat und - weil es der letzte Kampf des Tages war - diesen auch rituell mit einem riesigen Bogen beschließen darf,weiß man, dass das ein faszinierender Sport ist.

Wenn ich mal wieder zur Turnierzeit in Japan bin, gehe ich da, glaube ich, nochmal einen halben Tag hin - man muss nicht morgens um 9 oder 10 Uhr da sein, 13 Uhr, 14 Uhr reicht völlig, dann sieht man noch vier, fünf Stunden. Aber es schadet auch nicht, früh da zu sein, denn dann ist man bei den wichtigen Kämpfen regeltechnisch so fit und kampferfahren, dass man richtig mitfiebern kann.

Ich schwamm mit den Massen zurück zur S-Bahn, fuhr - in der Rushhour wurde es jetzt kuschlig in den Zügen - zurück zu "meinem" Bahnhof Kamata und suchte mir eine Abendessenlokalität. Ich brauche noch ein paar Tage, dann wage ich mich auch in Gaststätten rein, die nur eine japanische (bzw. dann koreanische oder chinesische) Karte haben, aber noch bin ich nicht so weit (was eigentlich Quatsch ist, weil ganz viele Lokale, die keine englische Speisekarte haben, Bilder oder sogar Nachbildungen von den angebotenen Speisen auf der Karte oder im Fenster haben). Und ab und zu haben Lokale auch eine englische Karte, wenn sie draußen das gar nicht angeben. Nach einmaligem Im-Kreis-Laufen (vorbei an vielen interessanten Kneipen) landete ich bei dem Sushiladen, den ich gestern eigentlich auch schon ins Auge gefasst hatte - weil ich von außen gelinst hatte, dass da eine englische Karte herumlag. Am Ende war auf der Speisekarte alles bebildert und vieles auf Englisch angeschrieben, los ging's: Es wurde eine Platte mit gemischten Thunfisch-Nigiri (Reisbällchen mit Fischstück obendruff, kalt) und Butterfisch (warm) bestellt, dazu ein Bier (ich wollte eigentlich heute keines trinken, aber wer mich kennt ...). Leute, das war himmlisch! Mein Nachbar aß allerlei Sachen, die genauso toll aussahen, wenn der morgen nochmal aufschlägt, sage ich der Oberin oder dem Koch einfach, dass ich alles haben will, was der Typ bestellt (so zum Beispiel den Butterfisch ...). Ich war eigentlich schon satt, aber da waren so tolle Sachen zu sehen, also bestellte ich für sechs Euro Tintenfisch zum Nachtisch - es kam eine komplette Tube Tintenfisch mit Tentakeln. Das war auch sehr lecker (vor allem die Tentakel, die mag ich ja sowieso sehr gerne), nur waren die Stücke für meinen Geschmack ein wenig groß geschnitten, sodass das nicht ganz so bequem zu essen war. Am Ende bezahlte ich für Überfressen mit zwei Bier 28 Euro. Nicht ganz wenig, aber absolut angemessen. Morgen Abend esse ich vielleicht wieder da ...

Die wenigen Meter ins Hotel schaffte ich auch. Ich wollte gerade anfangen, Blog zu schreiben, als ich mich wunderte, wieso auf einmal mein Bett wackelt. Ich muss ziemlich doof aus der Wäsche geguckt haben, bis mir klar wurde, dass ich hier zum ersten Mal in meinem Leben ein richtiges Erdbeben erlebe, mit hin und her schwingenden Kleiderbügeln und einer deutlich spürbaren Bewegung des gesamten Gebäudes. Eine sehr bizarre Erfahrung ... Zwei Minuten (!) später war die Seite des japanischen Wetterdienstes aktualisiert: Das Erdbeben hatte die Stärke 5,6 auf der Momenten-Magnituden-Skala, das Hypozentrum war 40 Kilometer unter dem Epizentrum, das seinerseits 40 bis 45 Kilometer von Kamata hier entfernt war. Sehr erleichtend war der Hinweis, dass aus diesem Erdbeben keine Tsunami-Gefahr erwachse. Insgesamt wurde hier in meinem Bezirk die Auswirkungsstufe 2 erfasst ("Wird von vielen Personen, die in Ruhe in einem Gebäude sind, gespürt." Ähm, richtig.), während direkt am Epizentrum Stufe 5- galt: "Viele Menschen sind verängstigt und glauben, sich an etwas Stabilem festhalten zu müssen." Muss ich nicht unbedingt haben.

So, morgen soll der Himmel hier bewölkt sein. Ich finde, das ist ein guter Grund, morgen mal so richtig Sightseeing zu machen. Aber erst nach dem Ausschlafen - es ist schließlich Urlaub.
Volles Haus

Reinigungsritual des yokozuna

Stampf vor dem Kampf

Los geht's ...

Sonntag, 15. Mai 2016

Freude schöner Götterfunken

Freude schöner Götterfunken! Am Brunnen vor dem Tore! Halleluja. Was für ein Tag. Heute war ein Tag und ganz besonders ein Abend, den werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen.

Wie jetzt? Spannungsbogen aufbauen? Okay, okay ...

Der Flug von Frankfurt nach Shanghai war im Großen und Ganzen entspannt, ich habe vier Filme geguckt (Ironman 2, Ironman 3, so'n deutschen Film, den ich sonst nie geguckt  hätte, aber der wirklich nicht schlecht war, "Wir wollten aufs Meer" oder so ähnlich, und den vierten hab ich vergessen). Aufgestanden bin ich Intellienzbestie in den zehneinhalb Stunden kein einziges Mal, sodass mein Bauch und zum Schluss meine grazilen Beinchen allerlei komische Sachen machten. Naja, ich habe es überlebt, zumal ich mir angewöhnt habe, bei so langen Flügen den Hosenknopf aufzumachen. Hilft.

Nicht mehr geholfen hat alles in Shanghai. Wir waren mit Verspätung in Frankfurt gestartet und das konnten wir auch nicht alles im Flug aufholen, sodass die Verbindung, die zuvor genau richtig war, jetzt ein klitzekleines bisschen eng wurde. Der Flughafen Shanghai-Pudong, immerhin der zweitgrößte Chinas, denke ich, ist auf internationale Transitpassagiere überhaupt nicht eingestellt. Ich kam da hin und da stand eine Schlange vor den Transitschaltern. Da ich aber schon meine Bordkarte hatte (ich kenne es nur so, dass man den Transitschalter braucht, wenn man die Bordkarte noch nicht hat), suchte ich nach dem Durchgang zum Transitbereich. Den gab's aber nicht so richtig. Also brauste ich an der Schlange vorbei und wurde rüde ausgebremst von einem Typen, der da am Übergang zum Transitbereich saß. Ich bräuchte so einen komischen Stempel. Ich also zurückmarschmarsch, in der Schlange "aktiv angestanden" (da durfte ich das mit Genehmigung des Obermufti aber auch) und tatsächlich bekam ich nur diesen doofen Stempel auf die Bordkarte gepackt. Geht's noch? Meinem Unmut ließ ich offenbar hörbar Luft ("So ein Schwachsinn"), dass die Deutschen in der Schlange, die ich übersprungen hatte, hörbar genervt laut auflachten.

Am Ende kam ich aber pünktlich zum Gate (dass eine Frau in Shanghai die Abtastung macht, sei's drum), und los ging die wilde Luzi nach Tokio.

Naja, okay, so wild war sie nicht, die Luzi. Der Flieger von Shanghai nach Tokio war nicht ganz so modern wie der von Frankfurt nach Shanghai, sodass man kaum sinnvoll auf die Kabinenbildschirme gucken konnte. Kam eh nur Mist. Ausfüllen durfte man aber Einreisekarte und Zollkarte. Die Einreise ging leidlich schnell (bei einem Grenzer mit Mundschutz ...), beim Zoll musste ich tatsächlich den Koffer aufmachen, tsts. Gefunden hat der - sehr freundliche - Grenzer aber natürlich nix, sodass ich durchstarten durfte.

Der Flughafen Narita liegt weit im Osten von Tokio, mein Hotel liegt in einem Vorart im Südwesten, das heißt, ich durfte mir gleich mal als Einstiegsaufgabe überlegen, wie ich von Narita nach Kamata komme. Das Problem ist einfach, dass diese Metropolregion Tokio so monsterriesig ist, dass man da als normalsterblicher Europäer, selbst mit einiger Erfahrung im internationalen Reisen, einfach auf Anhieb nicht durchblickt. Zum Glück gibt es Online-Reiseführer, und zum Glück gibt es Online-Verbindungsplaner, denn ohne die wäre ich erstmal aufgeschmissen gewesen. Am Ende, nachdem ich einen Zug fahren gelassen hatte, den ich hätte nehmen können, nahm ich doch nicht den Zug, den ich ins Auge gefasst hatte (weil ich da womöglich eine Reservierung gebraucht hätte), sondern nahm den lokalen (S-Bahn-ähnlichen) Zug vom Flughafern zum Bahnhof Ueno im Norden der Innenstadt von Tokio. Komplett bescheuert bin ich vielleicht doch nicht, den ich ich kaufte mir eine Chipkarte, mit der man so ziemlich in ganz Japan im Zug in der Gegend herumfahren kann, wenn sie denn ordentlich aufgeladen ist (mit dieser Chipkarte habe ich gerade eben im Supermarkt sogar meine Flasche Wasser bezahlt).

Ohne genau zu wissen, was das Vergnügen jetzt kosten würde, saß ich jetzt also in der S-Bahn. Mindestens zwei Drittel der Mitreisenden starrten auf ihr Handy, und tatsächlich gibt es junge Japanerinnen, die sich ihre Manga-Vorbilder ein bisschen arg zu Herzen nehmen. Sehr lustig anzugucken ...

Anfangs ging es vorbei an einem wirklich ländlichen Gebiet mit Reisfeldern und so, bis so langsam die Stadt anfing, Gestalt anzunehmen. Nach eineinviertel Stunden Fahrt war ich am Bahnhof in Ueno angekommen, an dem ich umsteigen musste. Da die Bahnhöfe des Flughafenexpresses und der normalen Bahn nicht barrierefrei miteinander verknüpft sind, musste ich also mit meiner tollen Chipkarte auschecken, über die Straße (Menschenmassen ohne Ende!) und am anderen Bahnhof Ueno wieder einchecken (und die Koffer die Treppe hochschleppen ...). Die erste Verbindung nach Kamata verpasste ich knapp, aber die nächste kam nur fünf Minuten später, die erwischte ich dann. Am Ende fielen mir während der Fahrt manchmal fast die Äuglein zu, aber den Ausstieg wollte ich nicht verpassen. Ich erwischte den richtigen Ausgang, ging durch eine Art überdachte Einkaufspassage und war schnell im Hotel; am Ende hatte ich für die zwei Stunden Fahrt vom Flughafen zum Hotel knapp 12 Euro bezahlt.

Die Rezeptionistin beherrscht zwar die englische Sprache (schriftlich) ziemlich gut, mündlich war es mir aber gelegentlich sehr schwer, sie zu verstehen. Am Ende kamen wir aber problemlos zueinander und ich konnte mein Zimmer beziehen.

Mein Zimmer ist ziemlich klein (was in Tokio kein wirkliches Wunder ist), aber ich hatte mich schon so auf meine private Toilette gefreut. Auf ging's. Aua. Die beheizte Toilettenbrille war wirklich sehr warm, fast schon ein bisschen heiß; und dass ich auf der Tastatur die Toilettenspülung gefunden habe, grenzt an ein Wunder ... Ich hatte das nie so richtig glauben wollen mit den japanischen Toiletten: Das ist aber wirklich so. Sehr krass.

Nach nicht übermäßig langem Aufenthalt machte ich mich auf zurück in die Stadt. Diesmal fand ich die richtige Linie relativ zügig, stieg am richtigen Ort um, wurde dann doch unsicher, ob meine Bahn die richtige war, stieg eine Haltestelle später aus und stand ein wenig unschlüssig in der Gegend herum. Daraufhin sprach mich eine Japanerin in astreinem Englisch an, wo ich hinwollte, sie sagte mir, dass ich mit dem nächsten Zug fahren könne, und ich dankte mit arigato. Ich bin so stolz auf mich ...

In Shibuya kam ich gut an, suchte das Denkmal für den Akita Inu auf, der über Jahre hinweg stets an dem Bahnhof auf sein verstorbenes Herrchen gewartet hatte, und ging dann über die berühmt-berüchtigte Shibuya-"Alle-laufen"-Kreuzung. Das ist schon lustig, wenn auf einmal alle Fußgänger kreuz und quer über diese Riesenkreuzung spazieren. Ich hoffe, die Bilder geben das ein wenig her. Der Times Square in New York kann, sagen wir, mit der Shibuya-Krezung in puncto Illumination durchaus mithalten. Gerade so.

Ich marschierte - in unglaublichen Menschenmassen - ein wenig durch die Gegend, konnte mich aber nicht recht für eine Kneipe entscheiden. Englische Karten und englische Sprachkenntnisse sind hier nicht so weit verbreitet wie in anderen Großständen und am ersten Abend wollte ich mich ungern auf die Nase legen.

Ich lief bestimmt ein-, eineinhalb Stunden herum, bis ich mich schließlich entschied, in einem Einheimischenimbiss (mit englischer Karte) zu essen. Dort nahm ich - neben einem Asahi-Bier - eine Mischung aus Rindfleisch und Reis zu mir, nachdem ich als Vorspeise eine Misosuppe gegessen hatte. Das Essen kostete insgesamt knapp 6 Euro, das Bier schlug halt mit 4 Euro zu Buche. War lecker, keine Offenbarung, aber sehr gut essbar.

Direkt daneben war mir im Vorbeigehen so eine Art Brauereigaststätte der Kirin-Brauerei, einer der größte japanischen Brauereien, begegnet. Auf einem Bein kann man nicht stehen, deswegen wollte ich dort noch einen Absacker verzehren.

Daher setzte ich mich in die Süffelreihe am Tresen, die aus einer mittelalterlichen Dame, einem mittelalterlichen und einem älteren Herrn bestand. Letzterer quatschte mich praktisch sofort in verständlichem, aber nicht superguten Englisch an, dass das "Braumeister"-Bier (das heißt wirklich so) so lecker sei. Ich verließ mich auf seine Empfehlung, nachdem ich mich als Deutscher enttarnt hatte, und kann bestätigen: Das "Braumeister" von Krin ist lecker.

Ich wusste nicht so richtig, was ich von diesem Gesprächseinstieg halten sollte, aber der Herr machte einfach weiter. Er erzählte, dass er 89 Jahre alt sei und inzwischen sein siebtes Bier an diesem Abend vor sich stehen habe. Er gab ein wenig von seinen noch bestehenden Deutschkenntnissen preis (weiß der Teufel, wo er die herhatte), aber als dann anfing, von deutschen Liedern zu schwärmen, "Am Brunnen vor der Tore" anstimmte, ehe wir gemeinsam auf Deutsch "Freude schöner Götterfunken" sangen (er war deutlich textsicherer als ich), war ich völlig perplex, fasziniert, irgendwo ziemlich aufgelöst.

Es kann gut sein, dass der akute Schlafmangel und die dann inzwischen auch schon wieder drei, vier Bierchen meinen Moralischen befördert haben, aber trotzdem: Ich habe immer gut mit der Tastsache umgehen können, dass mein Vater gestorben und er halt nicht mehr da ist. Aber an diesem Abend hätte ich mir sehr gewünscht, dass mein Vater dabeigesessen und ein Bier oder zwei mit seinem "Waffenbruder" (das hat er tatsächlich immer so von den Japanern gesagt) getrunken hätte.  Das hätte zwar mit einhundertprozentiger Sicherheit im Absingen verbotener oder zumindest politisch hochgradig fragwürdiger Lieder geendet, aber schön wäre es für die beiden alten Knacker ganz bestimmt gewesen ... Wir wechselten Visitenkarten aus, ich vergewisserte mich, dass er nach seinen acht Bier noch heimfindet, und dann gingen wir nach mehrfachem langen Händeschütteln getrennter Wege. Allein diese zwei Stunden mit dem alten Herrn waren diese Reise schon so was von wert, das glaubt da draußen keiner ...

Naja, die Heimreise in zwei S-Bahnen habe ich dann gut überstanden, jetzt sitze ich hier fast Miternacht im Bett, morgen geht's zeitig raus und zum Sumoturnier. Ich bin sehr gespannt ...
Toilettenspülung in Japan

Braver Wauwau

Alle-gehen-Kreuzung in Shibuya

Samstag, 14. Mai 2016

Smart vacation planning

Manche Leute fragen mich (oder besonders gern meine Mutter), wieviel Urlaub ich denn hätte, wenn ich doch schließlich "ständig" unterwegs sei. Smart vacation planning, also "kluge Urlaubsplanung" unter Ausnutzung von Feier- und Brückentagen, das ist das Erfolgsrezept und nicht, dass ich irgendwie 60 Tage Urlaub im Jahr hätte. Die habe ich nämlich nicht.

Die kommenden zwei Wochen, die eigentlich zehn Arbeitstage wären, "kosten" mich nämlich so nur sieben Urlaubstage und einmal Überstundenabbau, denn Pfingsten und Fronleichnam sind Feiertage und der Tag nach Fronleichnam ist Brückentag, das Büro geschlossen.

Der Senegal-Gambia-Urlaub hat mich tatsächlich fünf Arbeitstage gekostet, Marokko-Westsahara dagegen gar keinen, weil ich in Absprache mit meinem Chef (dem besten Chef der Welt, Chef!) am Gründonnerstag zwar ein bisschen früher raus bin (und ein bisschen abgebummelt habe), aber sonst waren Karfreitag und Ostermontag Feiertage. Istanbul und Tel Aviv waren sowieso jeweils Schnapsideen übers Wochenende, sodass mich diese vier Auslandsaufenthalte zusammen mit dem jetzt folgenden zweiwöchigen Ostasientrip dann - "gerade einmal" - zwölf Urlaubstage gekostet haben werden. Zieht man die Wochen vor den Prüfungen kürzlich im Mai und dann im Oktober ab (okay, für die Woche im Herbst nutze ich noch zum Teil Sonderurlaub, den meine Firma mir im Rahmen der Aktuarausbildung freundlicherweise eingeräumt hat), habe ich noch zwölf Tage Urlaub übrig, sobald ich aus Ostasien zurückkomme. Und diese zwölf Tage werden voraussichtlich im September, wahrscheinlich durch zwei Wochen im südlichen Afrika und danach noch durch das lange Woche mit dem 3. Oktober als Abschluss, verkloppt - am Ende lande ich dann bei 0 Urlaubstagen am Ende des Jahres. Alles gut.

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So, jetzt sitze ich jetzt erst einmal hier am Flughafen in Frankfurt im Terminal 2 in einer schönen "Leisure Lounge" mit bequemen Sitzen, Strom und WLAN. Meine Ma war gestern ja noch gekommen, um mich zu verabschieden, und die Verabschiedung wurde am Abend im Sherry & Port offiziell begangen. Heute Morgen gingen wir frühstücken, ich ging noch zum Friseur, um meine Wintermatte loszuwerden (wer jetzt wegen der "-matte" prustend auf dem Boden liegt, kriegt demnächst eins hinter die Löffel), danach fuhren wir zum Flughafen, wo ich natürlich viel zu früh war - fast vier Stunden vor Abflug.

Online- oder Automaten-Check-in gibt's bei China Eastern nicht, aber glücklicherweise war ich so intelligent, mich schon sehr früh in die Schlange zu stellen, denn China Eastern machte schon gut drei Stunden vor Abflug die Schalter auf. Ich wehrte einige Leute, die - wie sie es ziemlich dummdreist nannten - "aktiv Schlange stehen" (sich vordrängeln) wollten, ab und kam deshalb relativ schnell an die Reihe. Ich fragte schüchtern nach, ob ich mit meinen ganzen Delta-Skyteam-Schnullipups-Meilen vielleicht ein Upgrade kriegen könnte, was zu einem Schmunzeln und nach dem Blick in den Rechner zu einem "sieht leider schlecht aus" führte ... Naja, kann man ja mal probieren. Als Entschädigung bekam ich meinen Fensterplatz in der Mitte des Fliegers, auf den ich es von Anfang an abgesehen hatte, und bin gespannt, ob ich da während der zehneinhalb Stunden Flug zumindest mal drei Minuten am Stück schlafen kann ...

Auch für den Weiterflug von Shanghai nach Tokio sitze ich am Fenster - in Reihe 69! So lang wird der Flieger wohl nicht sein, vielmehr denke ich, dass die ja sehr abergläubischen Chinesen da einige Sitzreihen in der Nummerierung einfach überspringen.

Morgen um 12.50 Uhr Ortszeit (5.50 Uhr deutscher Zeit) werde ich dann in Tokio einschweben und erstmal schauen, dass ich mich mit allerlei Zügen vom Flughafen weit im Osten von Tokio zu meinem Hotel im Südwesten der Stadt durchschlage.

Ich bin sehr gespannt auf Tokio. Nächster Post aus Asien.