So sprach die junge Dame hinter mir, die zwar von Feldhockey - offenbar aus eigener Erfahrung - deutlich mehr Ahnung hatte als ihr Vater (oder ich), aber bei Redewendungen nicht ganz so textsicher war. So richtig zusammengekriegt habe ich das aber auch nicht, dass viele Hunde des Hasen Tod sind, da ist es grad egal, ob's wirklich ein Hase oder eher ein Karnickel ist ...
Ohnehin ist Sprache hier in Belgien ein großes Thema: Im Zug wird nicht etwa zweisprachig (Französisch/Niederländisch) oder gar dreisprachig (mit Englisch) angezeigt, sondern nur und ausschließlich die Sprache der Region, in der man sich befindet - und heute sprang die Anzeige tatsächlich fünf Sekunden nach Überquerung der flämisch-wallonischen Grenze von Niederländisch bzw. Flämisch auf Französisch um. Auf der Rückfahrt waren sie zu früh, und die Schaffnerin sprach ihr (niederländisch gefärbtes) Merci auch auf dem falschen Gebiet aus, denn da waren wir schon wieder in Flandern ... Ich werde sie nicht anzeigen, aber das hat es hier anscheinend schon gegeben in Belgien, dass man die Schaffner verpfiffen hat, weil sie zweisprachig statt einsprachig gegrüßt (!) haben ...
Das führt dann auch dazu, dass sich die beiden Sprachgruppen offenbar mehr oder weniger stillschweigend darauf geeinigt haben, "Belgium", also die englische Form, anzufeuern, damit es zwischen "Belgique" und "België" nicht auch noch einen Konflikt gibt ... Und wir denken, wir haben Probleme.
So, fangen wir aber mal ausnahmsweise chronologisch an, also am Anfang: Ich war unfallfrei in meine Bude gekommen, ein schöner Homestay, ich wohne im zweiten Stock in einem wirklich wunderbaren Zimmer, der Wasserdruck im Duschkopf könnte etwas stärker sein, aber ich will nicht meckern, denn ich genieße die anscheinend frisch eingebaute Klimaanlage sehr, die mich gestern Abend hier begrüßt hatte - herrlich! Auch ansonsten gefällt es mir hier sehr gut, selbst meine Ma hätte angesichts der Vielzahl an Haken zum Klamottenaufhängen nichts zu meckern, das ist richtig schick.
Geschlafen habe ich trotzdem nicht sehr gut, aber als mein Wecker um 7.30 Uhr runterging, war das alles noch erträglich. Ich duschte, zog mich an und brach auf zum Bahnhof. Unterwegs kaufte ich etwas zu trinken, fand aber keine Sonnencreme im Spar, also lief ich weiter. Am Bahnhof entschied ich mich, dass ich viel zu früh war, also lief ich in Richtung einer Drogerie, die um 9 Uhr öffnen sollte. Es war 8.45 Uhr, die Essensläden im Bahnhof hatten mir nicht so richtig zugesagt, also frühstückte ich bei McDonald's (das war gar nicht einmal so schlecht ...).
Um 9 Uhr stand ich bei der Drogerie auf der Matte, aber da war zu. Hmpf. Ich lief zur anderen Filiale, schaute, da stand was von 9.30 Uhr. Ich stand eine halbe Stunde in der Gegend rum, stellte fest, dass ich beim Optiker neben der Filiale auf die Uhrzeiten geschaut hatte, und ging zur richtigen Tür. Ich hatte schon vorher irgendwo gelesen, dass die Tür nicht abgeschlossen sei, sondern nur zu, sodass ich, als die Tür nicht aufging, fester dagegendrückte. Nein, die Polizei wurde nicht gerufen, aber die Tür schien mir zu zu sein ...
Da fiel mir ein, dass der 15. August doch so'n komisches Datum ist - joa, Mariä Himmelfahrt, das ist hier in Belgien Feiertag - da hätte ich lange auf die Drogerieöffnung warten können. Hmpf.
Ich schaute in einem zweiten Laden nach, die hatten auch nix, aber ich kaufte ein Wasser, das ich dann vor dem nächsten Laden (den ich vergessen hatte) wieder hektisch leertrinken musste - im Carrefour gab es Sonnencreme, aber wirklich unverschämt teuer, sodass ich mich entschied, es darauf ankommen zu lassen, zumal sowieso bewölkter Himmel angesagt war. (Die Spannung kann ich rausnehmen: Ich sehe nicht wie ein Hummer aus, alles gut ...)
Jetzt aber lief ich wirklich zum Bahnhof, buchte auf dem Weg noch meine Fahrkarte über die App der belgischen Bahn, fand und bestieg den Zug - und saß hinter einer Traube von Schottinnen, die wenig überraschend das gleiche Ziel hatten (und am Abend wieder mit mir zurück nach Löwen fuhren ...).
In Basse-Wavre stiegen wir nach einer knappen halben Stunde Fahrt aus, die Schotten liefen allesamt in die falsche Richtung, ich in die richtige, aber kurz darauf hörte ich sie hinter mir.
Punkt 10.30 Uhr stand ich am Einlass, um 10.30 Uhr sollte das Stadion geöffnet werden, aber das verzögerte sich um ein paar Minuten - es sollte nicht die einzige Verzögerung des Tages bleiben. Unmittelbar vor mir kriegte es einer nicht gebacken, die richtige Eintrittskarte vorzuzeigen, bei mir klappte alles - und dann ging das Drama los.
Liebe belgische Organisatoren, ihr könnt doch nicht allen Ernstes, wenn Deutschland (!) gegen Schottland (!!) als erstes Spiel des Tages stattfindet, nur 40 % der Essens- und vor allem Getränkestände aufmachen! Das geht doch nicht!
Entsprechend bildeten sich vor und vor allem nach dem Spiel beinahe kilometerlange Schlangen (ich würde niemals übertreiben), ich verzichtete aufs Mittagessen und aß dann später belgische Fritten (lecker) mit Frikandel, einer Art belgischen Wurst, die mit Frikadelle so gar nichts zu tun hat (wie ich nach der Bestellung feststellte). Überlebt habe ich bisher. Daumen drücken!
Nun denn, auch der Beginn des Deutschlandspiels verzögerte sich um wenige Minuten, was aber nicht an dem Volunteer lag, der beim hektischen Versuch, jemandem seinen Sitzplatz zu zeigen, fast gegen das Gerüst des Mundlochs gerannt wäre, und auch nicht an der Sprinkleranlage, die plötzlich auslöste, was die deutschen Spielerinnen zu einem Gekreische veranlasste (die hatten übrigens auch einen Fußball dabei, sodass ich erst dachte, ich hätte mich in der Sportart vertan ...).
Insgesamt, und das will ich an der Stelle dann doch anbringen, fand ich die Organisation echt nicht so großartig: Klar, fünf Minuten Verzögerung hier, fünf Minuten da sind normalerweise kein Beinbruch, aber gerade am Abend bei der (gar nicht einmal soooo schlechten) "Eröffnungsfeier" wurde ich nervös, weil ich ja meinen letzten Zug noch erwischen wollte nach dem Spiel. Auch das seeeehr späte Öffnen der Essens- und Getränkestände, das späte Öffnen des Souvenirladens, diese offenkundig behelfsmäßige Absperrung zwischen Stadion und Medienzentrum, wo man sich unter der Absperrung durchducken musste, um zurück zu seinem Sitzplatz zu kommen, ja, auch das Fehlen der Seife im Seifenspender (am ersten Tag der WM!), das war alles nicht so ganz super, aber das WLAN für die Werbepartner, das haben sie hingekriegt wie die Großen ...
Hockey - und damit kommen wir zum eigentlichen Thema des Tages -, Hockey war super: Die deutschen Frauen gewannen letztlich ungefährdet mit 3:0 gegen Schottland, die deutschen Männer danach noch ungefährdeter mit 5:1 gegen Malaysia - die lustigste Szene in dem Spiel war, als ein deutscher Spieler zum Auswechseln lief und aus Versehen noch einen Pass zugespielt bekam, den er erstmal weiterleiten musste, bevor er das Spielfeld verließ.
Zwischen den Spielen hätte ich mir locker Autogramme holen können von den Spielerinnen und den Spielern, wenn ich sie denn richtig gekannt hätte, denn die liefen da halt alle zwischen Medienzentrum und Stadion durch diesen mehr oder weniger abgesperrten Korridor durch. Ja, mag schon sein, dass dieses Familiäre das Schöne am Feldhockey ist, aber bei einer WM darf's halt dann organisatorisch schon auch WM-Charakter haben ...
Nach dem Männerspiel hatten dann so langsam auch mehr Stände offen, ich kaufte mir ein WM-Käppi, insgesamt richtig viel getrunken habe ich heute nicht, weil mir die Schlangen einfach zu lang waren, so lang, dass ich mir die 0,25-l-Flasche Cola mit Wasser aus dem Wasserhahn auffüllte, um wenigstens etwas zu getrunken zu haben neben meinem einen kleinen Bierchen ...
Man merkte so richtig, dass die Fangruppen entsprechend den Spielpaarungen wechselten: Während des Deutschland-Schottland-Spiels sah man - neben den unvermeidlichen Deutschen - auch wirklich etliche Schotten, beim Deutschland-Malaysia-Spiel winkte die eine Malaysierin eifrig ihre Fahne, plötzlich kamen argentinische Messi-Trikot-Träger (über sowas - falsche Sportart und falsches Geschlecht - rege ich mich ja immer sehr gerne künstlich auf ...) zu Hauf ins Stadion, weil die Argentinierinnen gegen die US-Amerikanerinnen spielten - und gleichzeitig wurden es immer mehr Belgier, als es in Richtung des großen Finales, des Spiels der belgischen Männer gegen Frankreich ging.
Die einzige Konstante blieb ich, auf Platz 29 in Reihe 20, ich war immer da. Ich sang zweimal die deutsche Hymne mit, die schottische auch und folgte auch dem Text der US-amerikanischen. Ich grinste viermal über das ferngesteuerte Postautochen, das den Spielball aufs Feld brachte. Ich chattete öfter mit Gemini und machte mich noch regelfester (und ich war regelfester als die meisten Belgier um mich herum, die auch bei dem einen Schuss ins Tor jubelten, der von außerhalb des Kreises kam und daher nicht zählte), ich bewunderte den belgischen Teenager vor mir, der aussah wie der uneheliche Sohn eines Bekannten (oder vielmehr: wie dessen Version mit 17, die ins Jahr 2026 eine Zeitreise gemacht hat), ich verweigerte mich konsequent allen Klatschaufforderungen der Organisatoren auch während der Eröffnungsfeier, aber die La Ola, die machte ich mit.
Als die Eröffnungsfeier, die gar nicht soooo schlecht war, aber meines Erachtens auch nicht unbedingt hätte sein müssen, um war, war Feuer in der Bude. Nach dem überraschenden 1:1 der favorisierten Argentinierinnen gegen die USA war auch hier eine Überraschung drin, denn Frankreich führte zweimal. Die beiden belgischen Ausgleiche und ganz besonders der Siegtreffer wurden frenetisch (und ich meine: frenetisch) bejubelt, das war emotional ganz definitiv ein Höhepunkt, gerade weil ich nach den beiden deutschen Spielen dann irgendwie ziemlich früh auch schon ein bisschen durch war.
An der Hitze lag es nicht wirklich, an der Sonne schon gar nicht, denn ich hatte beim Kartenbuchen ja wirklich klugerweise die Tribüne gemacht, die während fast des gesamten Tages im Schatten lag; daher geht es mir trotz fehlender Sonnencreme wirklich gut heute Abend.
Nach der Rückkehr nach Löwen überlegte ich, ob ich noch in eine Studentenkneipe hier am Alten Markt gehe, aber das war mir ein bisschen weit, daher kaufte ich etliche Getränke im Spätshop, süffle jetzt mein Stella Artois und schaue morgen, wie ich mich nach Deutschland durchschlage. Das wird schon klappen.
Denken werde ich an den einsamen Ersatztorwart, der die Ausrüstung für die Strafecken (bei denen einige Feldspieler zusätzliche Schutzkleidung anziehen) während der Halbzeit ganz allein über den Platz zog, und an angetrunkenen Belgier, der die Trompetensequenz, auf die hin die Belgier immer "olé" riefen, nachgrölen wollte. Ein paar haben sogar verstanden, was er meinte, und riefen "olé".
Gute Nacht!
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| Löwen I |
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| Löwen II |
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| Am Stadion (Flaggen in französischsprachiger Reihenfolge) |
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| Schottinnen waren da |
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| Fritten mit Frikandel |
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| Eröffnungsfeier |
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| Postauto, das den Ball gebracht hat |
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| Einsamer Ersatztorwart auf dem Weg zum anderen Tor |
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| Jubel nach dem belgischen Sieg |









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