Meine Länder

Meine Länder
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Samstag, 5. September 2026

'n bisschen eskaliert

... ist mein Frühschoppen heute auf der Galatabrücke möglicherweise, aber nur ein klitzekleines bisschen. Was willste machen? Die Musik war gut, die Ober waren freundlich und nicht einmal unbedingt auf Beschiss aus, ich konnte auf den Bosporus und auf die Fähren und auf viele, viele Menschen gucken, die da unten entlangliefen, irgendwann wurde ich gewahr, dass es dort auch Fischdöner, also Balık ekmek, gibt, und zwar zu einem für dort und insbesondere im Vergleich zum teuren Bier sehr akzeptablen Preis, jo, und dann kam eins zum anderen ...

Der Flug war sehr entspannt, die Schweiztürkin (?) neben mir rutschte kurz vor dem Start um 21.24 Uhr Schweizer Zeit auf den freien C-Platz, sodass der Mittelplatz frei war, ich guckte zweieinhalb Serienepisoden und schaute auf das nächtliche Belgrad, bevor wir um 0.43 Uhr Ortszeit (23.43 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Freitag) in Istanbul landeten. Wir fuhren ein bisschen auf dem Flughafen herum, kamen dann aber am Finger zu stehen, die Einreise ging einigermaßen zügig, auch wenn mein Grenzer natürlich wieder der Allerlangsamste war und bei meinem Vordermann sogar den Führerschein sehen wollte (!). Entsprechend genervt-geschäftsmäßig war ich unterwegs, er dann auch, und irgendwann hatte ich meinen Stempel im Pass und zog von dannen.

Eigentlich hatte die Metro um 1.30 Uhr schon aufgegeben, als ich so gegen 1.21 Uhr durch den Zoll war, aber am Schluss schaffte ich es doch mit einigen Minuten Puffer, weil ich die Länge des Weges etwas überschätzt hatte und weil meine Kollegin, der ich meine Istanbulkart mitgegeben hatte, als die im Frühjahr hier war, noch ein bisschen was übriggelassen hatte. Wenn ich da noch an den Geldautomaten gemusst hätte, um die aufzuladen, wäre es sehr knapp geworden.

Die knapp einstündige Metrofahrt nach Kadıköy überstand ich im Honigkuchenpferd-Status, nicht nur, weil ich die Metro geschafft hatte, sondern weil ich endlich wieder in Istanbul war. Als ich an der Endhaltestelle ausstieg und den (falschen) Ausgang nahm, endete ich am Fährhafen mit Blick auf die nächtlichen Schiffe und den nächtlichen asiatischen Bahnhof - und war glücklich ...

Auch um 2.30 Uhr war in Kadıköy noch jede Menge los, eine Männergruppe sang an einem kleinen Platz hemmungslos schief ein Ständchen, und in meinem Hotel war auch noch jemand da. Mein Zimmer im dritten Stock ist okay, nicht herausragend, aber für zwei Nächte reicht es bestens, insbesondere wegen der Existenz eines abnehmbaren Duschkopfs und einer Klimaanlage ...

Ich stellte den Wecker auf 7.30 Uhr, kuschelte noch bis 8 Uhr und ging dann duschen. Das Frühstück gibt es auf der Dachterrasse, und ich setzte mich nach draußen, auch wenn ich keinen Hut aufhatte (aber ich war schon eingeschmiert).

Ich war sofort ans Buffet gegangen, stellte aber am Tisch fest, dass ich Besteck (und Tee) vergessen hatte, und lief noch einmal rein. Als ich zurückkam, waren irgendwie weniger Pommes auf meinem Teller als vorher - die Frau am Nebentisch grinste mich an, entpuppte sich als Deutschtürkin und meinte, eine Möwe habe mir die Pommes geklaut ... Sowas auch!

Beim zweiten Gang zum Buffet (aber erst da) fiel mir der Aushang ins Auge, dass man sein Essen genau deswegen nicht unbeaufsichtigt lassen möge, aber da war es halt schon zu spät.

Das Frühstück war türkisch, mit Ei und Börek und diesem wunderbaren Spaghetti-Käse, den ich sowieso immer gerne in der Türkei esse, und Tee, das schmeckte sehr lecker, da komme ich wieder morgen früh ...

Jetzt aber ging ich - mit Zwischenstopp im Zimmer, um meinen leeren (Tages-)Rucksack zu holen - schnurstracks zur Fähre. Die große Fähre um 9 Uhr hatte ich gerade verpasst, aber die kleine Fähre um 9.10 Uhr erwischte ich entspannt. Und es war wie immer: Als ich auf der Fähre saß, setzte schlagartig Entspannung ein - herrlich!

Wir fuhren pünktlich ab und tuckerten ganz gemütlich die 20 Minuten in Richtung Europa, am asiatischen Bahnhof vorbei, den Blick auf die Blaue Moschee und die (eingerüstete) Hagia Sophia genoss ich ebenso wie den auf den Topkapı-Palast und den Galataturm und den Bosporus überhaupt - immer wieder so, so schön!

Wir fuhren unter der Galatabrücke durch, ich entschied mich spontan, in Karaköy auszusteigen, und lief zur Straßenbahn. Die erwischte ich, aber sie zeigte nur Eminönü an. Es gab ungewöhnlich viele Ansagen in der Bahn, und anders als sonst, wenn die Bahn nur nach Eminönü fährt, stand nicht schon der weiterführende Zug bereit ... Als dem Verhalten der Mitreisenden schloss ich (und eine englischsprachige Guidin meinte das auch zu ihrer Truppe), dass es irgendeine Streckenstörung gebe - also machte ich mich auf Schusters Rappen auf den weiteren Weg - ich wollte zur Hagia Sophia.

Ich lief ein bisschen querstraßein, und das war eine gute Entscheidung, weil ich in (schöne) Ecken kam, in denen gewesen zu sein ich mich nicht erinnern kann; touristisch, ja, klar, aber schon au schön, wie man im Schwarzwald sagt. (Achso: Dass ich gestern schrieb, "meine Mutter fahre zu", sorgte für Rückfragen - das ist wohl ein Alemannismus [das Wort gibt es wirklich], denn wenn meine Mutter zufährt, heißt das, dass sie losfährt. Vielleicht hatten sie doch recht in Hannover, dass sie an meinem "Guten Morgen" erkennen konnten, dass ich nicht von dort stamme, obwohl ich auf mein Hochdeutsch eigentlich einigermaßen große Stücke halte ...).

In Gülhane stieß ich bei meinem Abenteuerspaziergang aber auf die Straßenbahngleise und lief danach den altbekannten Weg hoch zu Hagia Sophia und Blauer Moschee. Ich ging in beide nicht rein (es war heiß!), sondern lief zu in Richtung des Großen Basars. Eigentlich wollte ich wie immer zum Hof der Süleymaniye-Moschee, aber in den Basar wollte ich doch kurz rein - zum Dank verwirrte er mich, und ich lief zur falschen Seite wieder raus, sodass ich, um zur Süleymaniye zu kommen, noch einmal ums Karrée laufen musste.

Den Blick von der Süleymaniye-Moschee fand ich wie immer ganz herausragend schön, auch weil ich fantastisches Wetter erwischt hatte (abgesehen davon, dass ich schwitzte wie ein Biber). Im Gegensatz zu den beiden Amerikanerinnen vor mir wusste ich, dass ich bergab wollte (die wollte zum Großen Basar und liefen falsch), ein Müllauto sorgte für Verkehrschaos (und ich trug womöglich ein bisschen dazu bei, weil ich eifrig im Weg herumlief, aber ich wollte halt den Berg runter), am Ende verlief ich mich, aber da ich hier meine tolle eSIM habe, konnte ich mich über Google Maps wieder orientieren.

Ich ging kurz in den Gewürzbasar, der Typ aus Schwäbisch Gmünd war heute nicht da, ich wollte aber eh nix kaufen, also ging ich runter in Richtung Eminönü und kaufte unterwegs ein Simit. Normalerweise teile ich das brüderlich mit den Möwen, aber erstens hatten die mir heute Morgen schon mein Essen geklaut, und zweitens entschied ich mich, vorsätzlich in eine Touristenfalle zu laufen.

Ich setzte mich nämlich in eine der Kneipen auf der Galatabrücke - und genoss den Blick auf den Bosporus und die Fähren und überhaupt. Bier ist in Istanbul immer teuer, da besonders, aber mir war es für meinen Frühschoppen (es war 11.30 Uhr) ziemlich wurscht. Der Ober klärte mich sogar auf, dass sie zwei Karten haben: eine mit zwei Biergrößen (0,3 l und 0,5 l) und eine zweite mit drei Biergrößen (zusätzlich noch 0,7 l). Die Preisgestaltung ist abenteuerlich, denn der Unterschied zwischen 0,3 l und 0,5 l ist gering, der zwischen 0,5 l und 0,7 l riesig, so riesig, dass es teurer pro Volumeneinheit ist, das ganz große Bier zu bestellen als das kleine; in jedem Fall hätte er meine Bestellung "groß" (in Bezug auf die erste Karte) als "groß" in Bezug auf die zweite Karte auslegen können (in betrügerischer Absicht, und ich unterstelle, dass das da auch gelegentlich passiert), aber heute waren die da alle lieb - zunächst (okay, der Spannungsbogen ist ein bissel viel, aber bissel ist okay) ...

Jetzt saß ich da und konnte nicht anders, Gott helfe mir. Das erste Bier war richtig, richtig lecker, und an der Ordnungszahl kann man erkennen, dass auch ein zweites Bier (öhm, mindestens) konsumiert wurde. Es war aber auch zu spannend, da zu sitzen und den Menschen (durchaus auch etliche Türken!) zuzugucken, wie sie da in der Gegend herumliefen.

Der arme Anquatscher war ziemlich erfolglos, einmal grinste ich ihn auch schief an, er grinste noch schiefer zurück, aber in so eine Touristenfalle gehen halt nicht so viele Menschen. Wobei ich das "Touristenfalle" schon relativieren muss, denn auf einmal legten sie einen Beizettel zur Speisekarte auf, nachdem es Balık Ekmek gab, und das kam so rechtzeitig, dass ich zusätzlich noch eine Cola bestellen konnte. (Wie? Auch noch ein Bier? Fake News!)

Auch die beiden türkischen Freundinnen oder Schwestern, die hereingekommen waren, die eine mit ihrem Sohn, tranken ein Bier und aßen Fischdöner, aber als sie aufbrachen, stellte ich mit Erschrecken fest, dass sie ihre Biere gar nicht ausgetrunken hatten. Wo gibt's denn sowas? Naja, okay, vielleicht war das auch der Schreck gewesen, weil plötzlich eine Angelleine von einem der Angler oben auf der Brücke sich in unser Lokal verirrte und da festhing. Der Köder muss sehr knapp an den dreien vorbeigeflogen sein. Nun, die Leine wurde mit einem Feuerzeug durchtrennt (Strafe muss sein) und dann wieder freigelassen.

Ich hatte im Gewürzbasar ein Foto gemacht und in den Status gestellt, und das Bild weckte bei einem der Kollegen von der 2020er-Reise Erinnerungen an ebendiese Tour und an unsere eine Kollegin, die auch mit dabei war und Anfang dieses Jahres völlig überraschend gestorben war. Wenn jemand gesagt hätte, dass ich noch ein Bier auf sie trinken müsste, wäre sie das gewesen - und ich fand es da halt auch echt gemütlich ...

Am Ende wollte ich zahlen, und dann passierte etwas, wo ich wieder nicht weiß, ob die Herrschaften einen echten Fehler gemacht haben, unfähig waren, Schlawiner oder Betrüger, denn auf meiner Rechnung standen fünf Bier, eine Cola und zwei Fischdöner (ja, ich hatte nach dem ersten Hüngerchen noch eins und brauchte ja ein bisschen Grundlage und die sahen wirklich sehr gut aus; dafür verzichte ich heute Abend auch auf eine Vorspeise oder so ...).

Nun war mir der ältere, schnauzbärtige Ober eigentlich sehr sympathisch (so sympathisch, dass ich überlege, ob ich in die Reihe der Schnauze aufnehme - Schnauz I und II waren ja in Griechenland auf der großen Balkantour 2004, Schnauz III in Zypern 2011 gewesen; andererseits war bei allen bisherigen Schnauzen meine Ma mit dabei, von der muss ich mir jedenfalls Genehmigung einholen ...), und die Beanstandung wurde auch sofort akzeptiert, sodass Schnauz [IV, unter Vorbehalt] dann auch ein ordentliches Trinkgeld bekam und auf die Frage, ob ich morgen wiederkäme, auch kein festes Nein. Gucken wir mal.

Jo, danach schleppte ich mich auf die Fähre nach Üsküdar, genoss die Überfahrt, stellte dort fest, dass die Fähre aufs Goldene Horn, die ich eigentlich nehme wollte, erst in einer Dreiviertelstunde fahren würde, fuhr stattdessen nach Beşiktaş, genoss die Fährfahrt, kaufte mir da noch ein Simit, futterte es (allein) auf, weil da auch nicht alle paar Minuten was weiter nach Kadıköy fuhr, schließlich aber fuhr die Fähre, wenig überraschend genoss ich auch diese Fährfahrt (herrlich!) und kam dann in Kadıköy an ungewohnter Stelle an (die Fähre Beşiktaş-Kadıköy mit dieser Gesellschaft hatte ich wahrscheinlich noch gar nie genommen ...). Achso: Und auch hier - wie oft in Istanbul - sah ich oft Freundinnen, von denen die eine Kopftuch und die andere kein Kopftuch, aber dafür ein Trägertop trug, scheint hier zu funktionieren, irgendwie.

Ich lief einen unbekannten Weg hoch, auch viele, viele schöne Kneipen - und begegnete vielen Fußballfans: Heute Abend spielt Fenerbahçe gegen Beşiktaş, was ich natürlich erst heute Morgen geschnallt habe. Als eines der großen Stadtderbys ist das Spiel natürlich ausverkauft, und ich brauchte auch erstmal ein bisschen Pause, sodass ich mich jetzt dagegen entschieden habe, auf dem Schwarzmarkt noch an Karten kommen zu wollen ...

Ich ging stattdessen in meine Bude, erholte mich ein bisschen, hörte noch ein bisschen Bundesligaradio (das geht ja auch außerhalb Deutschlands bzw. des EWR) und gehe jetzt gleich noch gemütlich zum Hamsi (oder zumindest da in die Nähe). Ich glaubte, heute Abend Appetit auf ein bisschen Fleisch zu haben, den Fischdöner und mich verbindet ja so ein bisschen eine Hassliebe, ich mag ihn sehr, aber der Salat da drauf und manchmal vielleicht auch der Fisch mögen meinen Magen nicht immer ganz so sehr - mir geht es gut, alles bestens, aber vielleicht musste es heute Abend nicht schon wieder Fisch sein ... (Wie, am Bier soll's liegen? Kann ja gar nicht.)

Als es dunkel wurde, verließ ich meine Bude und entschied mich, erst einmal noch eine Nachtfährenfahrt zu machen (letzte Nacht war ich zu spät dran, und morgen muss ich dann schon am Flughafen sein). Ich lief also runter nach Kadıköy, stieg auf die (verspätete) Fähre nach Karaköy und Eminönü, blieb einfach auf der Fähre und fuhr wieder zurück. Das Lichtermeer von Istanbul ist halt einfach immer schön ...

Ich hätte fast einen Hähnchen-Döner verspeist, lief hoch zum Hamsi, hatte aber immer noch keinen richtigen Hunger und traf am Ende die einzig richtige Entscheidung ... Wie? Zum Hamsi? Neihein, ich lief zu Migros, kaufte da etwas zu trinken für die Nacht, holte mir noch ein Eis auf die Hand und bin jetzt schon im Zimmer und gehe einigermaßen zeitig ins Bett ...

Das war ein schöner Tag. Gute Nacht!

Wieso sind die Fotos denn auf einmal, nach Jahren, in der richtigen Reihenfolge?!

Fressgass in Europa

Wilma vor Blauer Moschee

Hagia Sophia (eingerüstet)

Blick vom Hof der Süleymaniye-Moschee

Gewürzbasar

Simit, für mich allein

Efes, auch für mich allein

Fischdöner

Hitchcock was hier

Mädchenturm

Istanbul by night

Galatabrücke und Süleymaniye-Moschee

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