Jetzt sitze ich - der Abend war so schön, dass ich den Blogeintrag gestern hintenrunter fallen ließ - schon am Flughafen in Stavanger und warte auf das Boarding, das ist einer guter Stunde beginnen wird.
Es war eine gute Empfehlung von Andreas gewesen, das Frühstück mitzunehmen, denn das war nicht nur sehr, sehr lecker und reichhaltig (mit Spiegel- und Rührei, Würstchen, Speck, Bohnen, Lachs und Salami, Croissants und richtig gutem Brot ...), sondern sorgte damit auch dafür, dass ich den Tag über nicht wirklich Hunger hatte.
Nachdem wir uns erst um 9 Uhr getroffen hatten, brachen wir gegen 10.30 Uhr auf und machten erst einmal einen Spaziergang: Wir wanderten an dem kleinen Seechen hier im Stadtzentrum vorbei in Richtung des Hafens, entlang an einer richtig schönen Kneipenmeile (die wir am Abend noch einmal zu besuchen gedachten) und dann durch teilweise richtig schnuckelige, bunte Sträßchen hinunter zum Ölmuseum.
Auf dem Vorplatz stand ein bisschen ausgemusterte Ölförder-Ausrüstung, die zu einem Spielplatz umfunktioniert worden waren - und Andreas erläuterte mir in vielen Fällen den ursprünglichen Zweck dieser Gegenstände; das war sehr spannend. An dem Hafen waren Warnhinweise zum Fischen in norwegischer, englischer, deutscher (!) und polnischer (!!) Sprache angebracht - das nenne ich mal Zielgruppenorientierung.
Überhaupt haben wir gestern im Stadtbild viel Deutsch gehört, und das lag nicht nur an den Fußballfans.
Weiter ging es, am Ufer entlang zu einer hübschen Kirche - gestern war da im Gemeindesaal ein Flohmarkt, auch da guckten wir uns um, auch da waren einige (nicht nur wir) deutschsprachig unterwegs.
Unser Spaziergang führte uns über Stadtbrücke Stavanger bis auf das Inselchen Engøy, und während des insgesamt dreieinhalbstündigen Spaziergangs sprachen wir nicht nur über Gott (wenig) und die Welt (mehr), sondern vor allem über die Ereignisse der letzten acht oder zehn Jahre - denn so lange war es her, dass wir uns zuletzt gesehen hatten. Wie bei ganz vielen meiner engen Freunde war es aber alles wieder sehr, sehr vertraut - schon da war der Tag ganz großartig gewesen. Dass wir während des Spaziergangs insgesamt gutes und für Norwegen sehr gutes Wetter hatten, trug dazu bei, dass wir auch großartige Ausblicke auf die Inselwelt vor Stavanger und - auf die andere Seite der Insel blickend - auf Stavanger selbst hatten.
In Engøy also drehten wir um, liefen wieder zurück und kehrten in der Innenstadt in einem Café ein, denn wir hatten Durst. Davor hatten wir - glaube ich - zwei norwegische Spielerinnen beim Stadtspaziergang gesehen, und im Café suchten wir eine Kneipe, in der wir Schachspielen konnten. Wir fanden - unabhängig voneinander - das Bøker og Børst (Bücher und Pinsel), und dorthin brachen wir auf.
Es gab Schach, es gab Bier, es gab vernichtende Niederlagen für mich (in zwei Partien war ich mehr oder weniger chancenlos, in der mittleren versemmelte ich im Endspiel den schon sicher geglaubten Sieg; mit der Aktion wird Andreas mich noch mehrere Jahre aufziehen ...), und dann machten wir uns in Richtung Stadion auf. Dazu liefen wir erst wieder an den Teich in der Stadtmitte, aßen im 7-Eleven noch einen (leckeren) Hot Dog und stiegen schließlich in den gar nicht so üppig vollen Bus ein, der uns direkt zum Stadion brachte.
Die Beschilderung am Stadion ist insgesamt gewöhnungsbedürftig, aber eine Stunde vor Anpfiff waren wir viiiiel zu früh: Obwohl wir schon rein durften, waren die Verkaufsstände noch geschlossen. Auf der Suche nach einem geöffneten Kiosk liefen wir bis hinter das Tor, auf das sich - wie sich herausstellte - die deutsche Mannschaft aufwärmen würde.
Andreas holte sich einen Kaffee, dann stellten wir uns auf die Tribüne und begrüßten Minuten später die deutsche Torhüterinnen, die sich kaum 20 Meter von uns entfernt aufwärmten. Ein Fangnetz hinter dem Tor gab es nicht, sodass wir mehr als ein Mal fast von einem Schuss getroffen wurden (ein Ball schlug direkt vor meinen Füßen in den Sitz ein) - und weil da kaum andere Menschen waren, wurden der Capo der Deutschland-Fans und wir angestellt, die Bälle, die dort auf die Hintertortribüne flogen, wieder zurückzuwerfen. Balljunge bei einem Länderspiel zu sein, war jetzt nicht unbedingt ein Kindheitstraum von mir, aber lustig fand ich es schon. Der deutsche Torwarttrainer bedankte sich auch immer artig, wenn man die Bälle zurückbeförderte, das muss ich dazu sagen ...
Kurz vor Beginn der Partie begaben wir uns auf unsere Plätze (Mitte-Mitte), da waren auch ein paar Deutschland-Fans, aber ansonsten natürlich vor allem norwegische Fans, Andreas war ein wenig unentschlossen, für wen er denn sein sollte, war aber dann - glaube ich - doch mehr für Norwegen, aber das half alles nix.
Deutschland war nicht drückend überlegen, aber doch besser, und trotz einiger norwegischen Chancen ging Deutschland verdient in Führung. Kurz vor der Halbzeit wäre der Ausgleich nicht unverdient gewesen, stattdessen machte Deutschland in der Nachspielzeit der ersten Hälfte das 2:0 und das 3:0 und brachte das Stadion damit zur Ruhe.
Die Stadionregie versuchte mit einer Lightshow direkt vor Wiederanpfiff die Stimmung wieder ein wenig anzuheizen, das gelang auch (selbst ich klatschte von Anfang mit, aber da war ich wohl schon von dem Zwischenstand euphorisiert), aber spätestens nach dem 4:0 in der 58. Minute von Jule Brand, die der norwegische Stadionsprecher, der die Namen sonst recht gut hinbekam, konsequent auf Englisch "Dschuul Bränd" aussprach, war der Deckel so ziemlich drauf.
Nach dem Spiel gratulierte mir eine ältere Norwegerin noch sehr freundlich (und auf Deutsch) zum Sieg, und auch im Bus zurück saßen (und standen) etliche Deutsche.
Andreas hatte Appetit auf Fleisch, ich war dem auch nicht abgeneigt, und so landeten wir beim Rodízio. Wir bekamen zu zweit einen Sechsertisch (obwohl viel los war) und genossen das wirklich sehr gute Fleisch (und das ebenfalls hervorragende Buffet). Bei der Bierbestellung kamen die Bedienung und ich erst beim dritten Mal übereinander, weil ich "two Tou beer" bestellte. Tou ist eine Brauerei aus Stavanger, aber das Bier bestellt man hier wohl als "Tou Pilsener", sodass die wortgleiche Aussprache von "two" und "Tou" zu loriotesken Verwicklungen führte ... (Am Ende bekamen wir unser Bier.)
Das war ein so grandioser Tag gewesen, dass ich ihn gar nicht enden lassen wollte, und so überredete ich Andreas, dass wir noch in ein Pub gehen. Das erste Pub fanden wir nicht so richtig, und das war wohl auch im Radisson Blu, sodass wir noch ein Stückchen weiter zum Hafen liefen.
Die Security ließ uns alte Säcke ohne Ausweiskontrolle rein, wir fanden auch noch einen Tisch, aber kaum saßen wir und fingen an, uns zu unterhalten, fing die Liveband an, die zwar gute Musik machte, aber eben auch sehr laute gute Musik ... Wir hatten einen längeren Tisch okkupiert, sodass zwei Studentinnen uns fragten, ob sie sich dazusetzen dürften; mit den beiden kamen wir auch ins Gespräch, und spätestens, als sie uns auf 30 schätzten, hatten sie unsere Herzen (platonisch natürlich) erobert ...
Als sie herausfanden, dass ich Deutscher bin, wurden alle Deutschkenntnisse ("Ich liebe dich", "ein Bier, bitte") ausgepackt und die Schnitzel in Deutschland gelobt. Ziemlich unvermittelt gerieten wir in eine politische Diskussion zum Irankrieg, und das Ganze endete damit, dass die eine Studentin fragte, ob ich schonmal Snus probiert hätte. Hatte ich Banause natürlich nicht, Andreas versuchte noch, mich zu warnen, da hatte ich schon ein Päckchen davon aus dem Döschen genommen, das sie mir hinhielt. Nonverbal machte Andreas mir klar, dass ich das Zeug zwischen Oberlippe und oberer Zahnreihe einklemmen müsste. Als sie mich alle drei fragten, ob mir schon schwindlig sei, fing ich dann doch an, mir ein bisschen Sorgen zu machen, was ich da gerade konsumiert hatte, aber am Ende ist Snus - wie ich dann googelte - Oraltabak, der wohl einen gewissen Nikotinkick verspricht, aber bei weitem nicht die hohen gesundheitlichen Folgen wie Rauchen habe (laut Wikipedia).
Joa, damit hatte ich also ein bisschen Rauschkultur des besuchten Landes versucht (das Ganze ist komplett legal, und natürlich hätte Andreas eingegriffen, wenn ich wirklich Mist gebaut hätte, und natürlich spürte ich außer einem ganz leichten, vorübergehenden Schwindelgefühl gar nichts) und ein bisschen für Gelächter am Tisch gesorgt. Passt schon ...
Das dritte Bier in der Kneipe schüttete ich beim Versuch, es über den Tisch zu schieben, zu einem zum Glück nur kleinen Teil über Andreas' auf dem Tisch liegendes Handy; selbiges überlebte aber, und so wackelten wir danach - es war 1 Uhr, und noch die Hölle los - zurück in unser Hotel und fielen ins Bett.
Achso: Auf dem Hinweg in die Kneipe, also um, keine Ahnung, 22 Uhr, saß schon eine junge Frau offenkundig handlungsunfähig auf dem Bürgersteig (ihre Freunde aber um sie herum), und als wir den Berg hochgingen, hatte gerade eine andere junge Frau bei laufendem Passantenverkehr in eine Ecke gepinkelt ... Und das alles noch wirklich früh am Abend - Andreas erklärte mir, dass hier intensiv vorgeglüht wird, dementsprechend dicht sind viele offenbar schon, wenn sie gerade erst aufgebrochen sind.
Das war ein ganz grandioser Tag (vom Schach abgesehen, höhö) und wir haben uns fest versprochen, dass wir nicht wieder so lange warten, bis wir uns wiedersehen.
Dass Norwegen teuer ist, ist klar, bei 10-12 Euro für ein Bier schluckt man natürlich erstmal, aber irgendwann (und gerade gestern) war mir dann fast alles egal, weil ich es so sehr genossen habe, mal wieder einen richtig schönen Kneipenabend mit Andreas zu machen. Ach Leute - schön war's ...
Obwohl wir beide gestern Abend nach dem Rodízio fast geplatzt waren (wir werden halt auch alt), hatten wir heute Morgen wieder Frühstückshunger, danach verabschiedeten wir - ich marschierte zum Busbahnhof, fuhr problemlos bei schlechtem Wetter (wir hatten gestern auch damit richtig Glück gehabt) zum Flughafen, war sehr schnell durch die Sicherheitskontrolle und konnte jetzt schon einmal in aller Ruhe Blog schreiben ...
Wenn nicht noch auf den Heimflügen allerlei Unfug passiert, wird der Blog heute nicht mehr aktualisiert; einen Bericht wird es in den nächsten Tagen geben, spätestens in der Vorschau auf Guyana und Curaçao.
Impressionen aus Stavanger:
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| Innenstadt |
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| Kirche kurz vor der Stadtbrücke |
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| Deutsche Torhüterinnen |
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| Blick auf Stavanger von Engøy aus |
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| Der sorgte im WhatsApp-Status fast für Begeisterungsstürme |
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| Auf geht's, Deutschland! |
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| Stadtbrücke |
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| Auch Altstadt Stavanger |
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| Kathedrale |
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| Blick auf den Fjord |
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| Am Ölmuseum (das Ding wurde zum Unterwasserschweißen benutzt) |
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| Ball kommt! |












